Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Ein Edler in Israel
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 4)
- Language
- German
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201 jenseits der preußischen Grenze hinwies. Sein Erfolg war bedeutend. In dem einen Jahre 1869 hat Dr. Rülf an 230 Ortschaften in Westrußland mit durchschnittlich 90 °/o jüdischer Bevölkerung in wöchentlichen Raten etwa 600 000 Mark, die Gabe westeuropäischer Glaubensbrüder, übermittelt. Ohne die immense Tätigkeit vr. Rülf's, ohne seine Initiative wären 30 000 Menschen dem Hungertod anheimgefallen. Von diesem ersten großen Unterstützungswerk an, ist er zum Anwalt der russischen Juden bei der ganzen zivilisierten Welt geworden. Es würde weit über den Rahmen dieser biographischen Skizze hinausgehen, wollte man genau die weitere imposante Mildtätigkeit Or. Rülf's schildern, die die letzten drei Dekaden russisch-jüdischer Geschichte des vorigen Jahrhunderts ausfüllt. In allen Drangsalen, in aller Not, bis zu den wiederkehrenden Verfolgungen und Auswanderungen der achtziger und neunziger Jahre veranstaltete vr. Rüls umfangreiche Hilfsaktionen, das Elend der Enterbten zu lindern. Diesen Bestrebungen verdankt ein großer Teil auch seines Schrifttums seine Entstehung. „Meine Reise nach Kowno, 1869", „Drei Tage in Jüdisch-Rußland, 1882", „Die russischen Juden, 1892" und viele einzelne Aufsätze sind Kultur- und Sittenbilder. Mit seltenem Freimut und logischer Schärfe hat er auch Angriffe und Beschuldigungen gegen die Juden jederzeit widerlegt. Im Jahre 1869 folgte Rülf der Einladung angesehener Männer, darunter des Gouverneurs Fürsten Obolenski, nach Kowno zur Beratung eines Projekts, betreffend die Uebersiedelung der Juden aus den Grenzbezirken nach dem Innern Rußlands. In seiner damals in Anwesenheit des Gouverneurs und aller höchsten Beamten von Kowno in der Kownoer Synagoge gehaltenen Predigt, einem Meisterstück der Rhetorik, sagte er unter anderem: „Anderweitig und anderseitig sagen die Gegner unseres Volkes und unseres Glaubens: Euer furchtbares Geschick, die ihr verfolgt und verachtet worden unter allen Völkern nach allen Seiten und zu allen Zeiten, beweist, daß ihr verworfen seid. Schmach über solch eine Logik! Wer ist der Verworfene? Der Unrechttuende oder der Unrechtleidende? Israel ist jener „Knecht Gottes",