Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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191 die Braut zugesprochen erhält, ebenso ziehen, wie die gefangenen Juden. Der Rabbiner Salomon, bisher ein ehrlicher Fanatiker, will nun für Menschlichkeit streiten und selbst die verhärteten glaubensstarren Spanier spüren einen Odem von wahrhafter Humanität. Man kann das Stück nicht ohne Spannung lesen und mag sich denken, daß es, von wirklichen Künstlern aufgeführt, bei der des Enthusiasmus fähigen Menge starken Eindruck Hervorrufen kann. Aber ist der Vorgang, trotz feiner ungemein geschickten Komposition, trotz seiner lebhaften Sprache wirklich denkbar? Unwahrscheinlich, ja unmöglich ist vieles: wie kommt der Amsterdamer Rabbiner gerade nach Segovia? Wie ist es möglich, daß ein Jude, der noch dazu sein Judentum garnicht abgeschworen, ohne Papiere, ohne Zeugnisse, ohne Empfehlung, bloß infolge seiner Tapferkeit eine der ersten Hofstellen erlangt? Wie ist es denkbar, daß sich gegen ihn, gegen den sich so unendlich viele Neider zusammentun, nicht der leiseste Verdacht auftut? Wie unwahrscheinlich ist es, daß er, der viele Jahre von seinem Judentum nichts wissen wollte, der unmittelbar vorher sogar die Taufe annahm, plötzlich aus Liebe zu seinen Eltern, aus Mitleid mit unschuldig Angeklagten wiederum ein treuer Jude wird und mit feinen ehemaligen Glaubensgenossen die Leiden ertragen will! Wie ganz unmöglich ist es, daß der Prior Fernando, nachdem er Jahrzehnte lang alle Greuel gegen Juden geduldet, vielleicht sogar zu ihnen mitgewirkt, jedenfalls nie seine Stimme dagegen erhoben hatte, plötzlich als Zeuge dafür eintritt, daß das Judentum den Blutgebrauch niemals gekannt, ja sogar aufs entschiedenste perhorresciert habe! Und auch das: so sehr ich glaube, daß es unter den Juden, selbst zu Zeiten, des stärksten Glaubensfanatismus immer einzelne gegeben hat, diemenschliche, verwandtschaftliche Beziehungen, die Stimme des Blutes in sich sprechen ließen, so bin ich andererseits fest überzeugt, daß niemals eine glaubensstarke jüdische Mutter ihren Sohn angefleht hat, den christlichen Glauben anzunehmen, nur um zu leben, und daß niemals ein eifervoller Rabbiner unmittelbar nachdeni er es abgelehnt