Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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- 189 - das wahrhafte Menschentum erst dann voll begreift, du er durch die Liebe zum Manne herangereift ist. Eine wirkliche Perle ist Helene. Vielleicht ist der Wechsel etwas zu jäh, da sie, die wie eine Gräfin Erzogene, die durch ihre Kunst selbst Frauen entzückt und durch ihren. Liebreiz die Männer bezaubert, an ihre Leibeigenschaft, die sie fast vergessen hatte, erinnert, sofort weiß, wie sie zu handeln hat. Aber echt weiblich ist ihre Stärke, der Stolz ihres Mädchentums, der sich weder der Gewalt beugt,, noch der Schmeichelei, der selbst das Liebste aufgibt, wenn dies nur mit der Opferung ihrer Ehre erlangt werden kann. Und endlich das Mitleid, das über alle Bedenklichkeiten siegt und das Mädchen zwingt, dem Geliebten zu folgen, da er im Elende ist, — alles dies sind Züge, die nur ein Menschenkenner erdenken und nur ein Dichter gestalten konnte. Weniger preisen möchte ich die Sprache (das Stück ist das einzige in Prosa geschriebene Drama Wolfsohns). Wir haben freilich ein recht loses Verhältnis zu den Produkten der fünfziger Jahre. Wir sprechen zwar dieselbe Sprache wie die Menschen jener Zeit und doch ist es eine ganz andere. Man hat bei der Lektüre unseres Dramas den vollständigen Eindruck einer Buchsprache, nicht aber den des lebendigen Lebens. Mögen die Adligen, die Frauen vielleicht so geredet haben; wie abör hier die Bauern mit ihren Herren reden, wie junge Mädchen mit Männern sprechen, selbst wie das Liebespaar mit einander konversiert, das ist keine frische, aus dem Moment geborene, sondern eine mühsam erdachte, kunstvoll oder künstlich gedrechselte Gesprächsweise. Das dritte Stück, „Die Osternacht", wurde am 11. Oktober 1862 zum ersten Mal in Leipzig aufgeführt, vgl. Deutsche Allgemeine Zeitung vom 16. Okt. 1862. Diese Anzeige konstatiert, daß die Aufführung trotz mittelmäßiger Darstellung das Publikum fesselte und zum Beifall hinriß und rühmt namentlich das Spiel des Herrn Kühls. Die Osternacht ist ein aufregendes, packendes, in poetischer Sprache geschriebenes, durchaus jüdisches Drama, aber es bietet eine solche Fülle von Unwahrscheinlichkeiten,,