Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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— 188 - was bei der Natur Helenes vorauszusetzen ist: der Dolch -oder das Gift. Damit hängt aber ein Anderes zusammen. In unserem Drama spielen sich alle Vorgänge blitzschnell ab. Kaum ist die Denunziation Alexanders eingereicht, so ist auch schon die Denkschrift seiner Feinde da; eben ist diese abgegeben, so erfolgt schon Alexanders Verhaftung -und daran schließt sich unmittelbar seine Verurteilung und fast ebenso schnell seine Befreiung an. Wer nun die Zustände Rußlands kennt, nicht nur die von heute, sondern die vor sechzig Jahren, zu einer Zeit also, da es kaum Eisenbahnen gab und der Telegraph eine nur geringe Rolle spielte,' wer sich also vorstellt, wieviel hundert Meilen durchquert werden müssen, um eines der angegebenen Ereignisse zu erwirken, der wird zugeben, daß 'eine derartig sich überstürzende Entwicklung, wozu dann auch die Eile gehört, mit der Helene bei Alexander erscheint, mit der Anatol aus Petersburg zurückkehrt, mit der die Leibeigenen ihren Herrn besuchen, daß alles dies absolut unmöglich ist. Sieht man indessen von diesen nicht unbedenklichen Einwänden ab, so muß man die Charakteristik der einzelnen Personen rühmen. Frisch aus dem Leben entnommen sind die verschüchterten, zum Teil rohen Bauern, der betrunkene Starost, der seinen Leuten gegenüber den Tyrannen, seinem Herrn den kriechenden, unterwürfigen Schmeichler spielt; die wild in den Tag hineinlebenden, auf das, was sie ein Recht wähnen, obwohl es ein Jahrhunderte geübtes Unrecht ist, pochenden Adligen. Der Haupttypus dieser Schar, der Fürst Michel, ist ganz besonders trefflich gezeichnet, der Träger einer im Absterben begriffenen Halbkultur, mit seinem Aufputz französischer Floskeln, mit seiner lärmenden, aber wegen ihres Ueberschwangs nicht wohltuenden Herzlichkeit, mit den Aeußerlichkeiten des Grand-Seigneurs, die doch überall die Herzlose Rohheit des Barbaren durchschimmern lassen. Möglich, wenn auch nicht, übermäßig wahrscheinlich ist der eigentliche Held Alexander, der mit etwas verschwommenen Freiheitsideen vom Auslande heimgekehrt ist und