Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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187 zu begleiten. Aber ihr Heroismus hat nicht nötig, sichzu erproben. Denn der Zar, der die humanen Bestrebungen Alexanders gutheißt und das Gebaren von dessen Feinden verdammt, hat aus Anatols Bemühungen den Verurteilten befreit, und die Liebenden können, nachdem Alexanders Absicht, dem Lande, das ihn so schlecht zu belohnen schien, zu fliehen, ebenso schnell ausgegeben worden, wie sie gefaßt worden war, ihrem Glücke und der Beglückung anderer leben. Die Hauptvorwürfe, die man gegen das Stück erhob und auf die Wolfsohn in seiner Vorrede selbst eingeht, sind: es sei ein Tendenzstück und es hätte nicht versöhnend, sondern tragisch enden müssen. Ich halte den ersteren. Vorwurf für unbegründet, den letzteren für stichhaltig. Es ist ein Tendenzstück, wie etwa Schillers „Räuber" oder „Kabale und Liebe", wie unzählige andere Stücke der neueren russischen, französischen, englischen und deutschen Literatur. Es will zeigen, zu welcher Verrohung die altrussische Auffassung von Sklaverei geführt, mit welchen Schwierigkeiten die freiheitlichen, aufklärerischen Bemühungen kämpfen mußten, die aus westlichen Ländern geschöpft, sehr mühsam in Rußland Eingang fanden. Das ist wohl eine Tendenz, aber es ist eines der schönsten Vorrechte, eine der heiligsten Aufgaben des Dichters das Schlechte und Verderbte aufzuzeigen und den Triumph des Guten zu offenbaren. Begründeter ist der zweite Vorwurf. Das Stück ift: durchaus tragisch angelegt und nur die Menschenfreundlichkeit, die Milde des Autors läßt es versöhnend ausklingen. Ein russischer Großer, wie Fürst Michel fackelt nicht so lange und gerade die ihm drohende Gefahr von dem Sitze der Regierung her läßt ihn energischer handeln. Er ist Manns genug — wenn man das edle Wort Mann bei solch tierischen Gelüsten verschwenden darf — um ein unbotmäßiges Mädchen seinem Willen gefügig zu machen. Gelingt es nicht beim ersten Mal, dann bei irgend einer späteren Wiederholung, er greift zur Peitsche oder zur Pistole, und es würde.der durch rohe Macht Vergewaltigten nichts anderes übrig bleiben, als die Schande oder.