Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Vollem Reden zu paaren versteht, die Unterwerfung unter die von Gott eingesetzte Obrigkeit nicht so weit treibt, daß er darüber die unvertilgbaren Rechte des Volkes vergißt — Gedanken, die 1850, da das Stück geschrieben wurde, ebenso erklärlich waren, wie am Anfang des 18. Jahrhunderts, da das Stück spielt. Nicht minder glücklich ist die Zeichnung aller Parteien des weiten Reiches: der wahrhaft treuen Diener, die das Beste des Herrschers und der Beherrschten wollen, wie des Präsidents des Reichsrats Dolgorucki; der Wüteriche, die im Namen des Kaisers herrschen, aber sich nur an den Buchstaben der Befehle, nicht aber an ihren Geist halten, wie der schon genannte Hartingen. Die Fremden, Holländer und Franzosen, die nicht ungesunde Ausländerei russischem Wesen aufzupfropfen geneigt sind, sondern die fast zu Russen geworden, nur das Beste des Landes im Auge haben; daneben alle die anderen, die im Trüben fischen wollen, von der Gunst des Herrschers allerlei Vorteile ziehen und sich zugleich dem Thronfolger insinuieren nicht übel Lust haben, den einen gegen den anderen auszuspielen. Außerdem Vertreter des Volkes, die von den verschiedensten Parteien herangezogen werden, nicht etwa aus wirklicher Liebe zum Volk, sondern nur in der Absicht, sich dieser Männer zur Erreichung des eigenen Zieles zu bedienen und sie fallen zu lassen, sobald man zu einem gewissen Erfolge gelangt ist. Mit ganz besonderer Vorliebe werden die Kaufleute geschildert. Nicht nur als die ehrenfesten, tätigen Bürger, sondern als die wahrhaften Diener des Herrschers und des Volkes. Der schon genannte Prawidin und einzelne seiner Genossen, ferner der Sohn des einen dieser Genossen, Prawidins Schwiegersohn, Jefim, sind wirkliche Prachtgestalten, obwohl man bei Prawidin ein wenig an Stauffacher, bei Jefim etwas stärker an den jungen Melchthal gemahnt wird. Schon in diesem Drama zeigt sich eine Eigenart des Dichters, die vielleicht noch deutlicher in seinem zweiten hervortritt: eine Frau nämlich ist die wirkliche Heroine. Natalie, die in der kurzen Inhaltsangabe