Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Pauline v. Walter, die Tochter eines hervorragenden Juristen in Weimar, Clara Milditz, die Tochter eines Professors in Göttingen. Alle vier sind Christinnen, aber Kinder aufgeklärter Eltern. Mit ihnen allen steht Di'. Löwe, ein begeisterter Jude, der eigentliche Held der Erzählung, in schwärmerischen Beziehungen. So ausführlich aber seine vertrauten Unterhaltungen mit Pauline geschildert werden, so steht doch seine Verlobung mit Karoline nahe bevor; Clara vermählt sich mit Löwes vertrautem Freund, dem jüdischen Arzt Leopold Liebenthal in Erfurt; Pauline, kurze Zeit mit Ignaz Cäsar Schierl verlobt, verzichtet auf eine Verbindung mit ihm, weil dieser durch Professor Milditz an Herrn v. Walter empfohlene Jude, um sich und der Braut schwere Kämpfe zu ersparen, sich gleich nach der Verlobung hat taufen lassen. Daß Herr v. Walter, ein enragierter Judenfreund, die Sache eines jüdischen Kaufmanns Ullmann, dessen Tochter mit einem christlichen Gutsbesitzer verheiratet und von ihrem Gatten schmählich behandelt worden war, zu der seinigen macht, sei kurz erwähnt. Moderne Leser könnten versucht sein über diesen leidenschaftlichen Philosemitismus hochgestellter Christen zu lächeln: Herr v. Walter z. B. geht in seinem apostolischen Eifer so weit, daß er seinen deutschen Brüdern durchaus das Vorbild großartiger Duldung geben will und kein höheres Verlangen kennt, als das, seine Tochter mit einein Juden zu verheiraten. Das Verlangen nach Mischehen, ohne daß dabei, was bei der keuschen unweltlichen Auffassung unseres Erzählers natürlich ist, irgend ein Wort über die Glaubenszugehörigkeit der Nachkommenschaft gesprochen wird, könnte man als die eigentliche Tendenz der Erzählung bezeichnen, vielleicht ist darum der Schauplatz der Geschichte nach Weimar verlegt, obgleich diese Stadt, wie der Verfasser gelegentlich bemerkt, sehr wenig Juden besaß, nach Weimar, weil dort seit 1823 die Mischehe erlaubt war. Mag man nun diese Tendenz billigen oder mißbilligen, man muß sie jedenfalls als Zeichen der Zeit, einer Epoche, die nun fast 70 Jahre hinter uns liegt, 12»