Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115685--4154-3115872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 zu streben, seine Kräfte zu betätigen. Nur in der Arbeit war er wirklich froh, wie er einmal in den Versen verkündete: Das ist das seligste Genügen, Wenn man sich selbst genug getan. Wie mit geliebten Kindes Zügen Blickt dich der Geist der Arbeit an: Du kannst um ihren Wert dich trügen. Doch nicht um deine Lust daran. So fuhr er bis zuletzt auch als Dichter fort, in der Reinigung von allen Erdenschlacken das höchste Menschtum zu erblicken. Ein kennzeichnender Ausdruck für dieses Streben ist sein schönes, nur handschriftlich erhaltenes Gedicht „Läuterung": Was Menschen dir an Weh bereiten, An argem Lohn und schnödem Dank; Was du empfingst an Bitterkeiten, Was dich so arm gemacht und krank, Was dir gebeugt den stolzen Nacken, Was dir gebleicht das dunkle Haar — Das alles wird von seinen Schlacken Den Geist dir läutern wunderbar. Die Eitelkeit, den Schein, das Hohle, Was dich mit falscher Lockung rief, Die Trugwelt nichtiger Idole Durchschaust du klar, erkennst du tief. Und fehlt auf deiner Lebensstrecke Auch Blumenglanz und Blütenduft — Doch über ihre Winterdecke Weht kräft'ger Hauch und reine Luft. In den zwei letzten Jahrzehnten von Wolssohns Leben tritt das Jüdische in seinen Dichtungen vollkommen