Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 172 — In seinen selbständigen lyrischen Gedichten ist er nicht völlig originell. Er geht nicht absichtlich neue Wege, aber er ist ebensowenig ein blinder Nachahmer fremder Manier. Es ist durchaus unrecht, wie es Lassalle getan hat, ihn zu einem bloßen Nachtreter Heines zu machen. Er ist ferner in seinenGedichtenniemalsüberladen und selten konventionell, er behandelt mit Sorgfalt die deutsche Sprache und befleißigt sich größtmöglicher Reinheit in seinen Reimen. In seinen Liebesliedern, in denen er sich von Schlüpfrigkeit ebenso frei hält, wie von dem Ausdruck wilden Verlangens weiß er in schönen Worten innigstes Gefühl zu verkünden und ist er immer bestrebt, nur seine eigene Empfindung zu äußern. Er findet für seine Naturbegeisterung schöne Töne. Er feiert gern verstorbene, bedeutende Schriftsteller wie Goethe, Jean Paul, Tiedge, Gaudy. In seiner Jugendzeit verherrlichte er am liebsten die Freundschaft, freilich gibt er in seinen zahlreichen Versen an Freunde: Siegmund Frankenberg, Veith, Leonhard und Bernhard (diese beiden werden nur mit ihren Vornamen genannt) nur sein eigenes Gefühl und legt es nicht darauf an, diese Lebensfreunde oder Genossen einiger Jahre wirklich zu charakterisieren. Er gedenkt gern seiner Eltern, seines Bruders, er rühmt sein Vaterland, als das er Deutschland betrachtet, preist dessen Größe, sendet aber, wie wir schon sahen, sinnige Grüße an die Heimat. In seinen späteren Jahren wendet er sich mehr der Betrachtung zu, ohne dabei die Würde des beschaulichen Alters allzu stark zur Schau zu tragen, grübelt in seinem Innern, ohne sich zu zerquälen, streitet für die echte Größe und die wahrhafte Bedeutung der Menschen, ohne allzu satirisch gegen die Unbedeutenden aufzutreten. Er wurde, wenn er auch körperliche und seelische Qualen genug zu ertragen hatte, wenn er weder durch Stellung noch durch äußere Güter reiche Erfolge seines Mühens erlangte, weder verbittert, noch schaffensunfroh, vielmehr blieb er unermüdet die Nächsten zu würdigen, an seiner eigenen Vervollkommnung zu arbeiten, nach hohen Idealen