Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Wilhelm Wolfsohn
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 8)
- Language
- German
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— 170 — träglichste waren aber gewiß seine Vorlesungen, die er in Dresden hielt. So las er z. B. im Winter von 1858/59 über Schiller vor 500 Personen. Diese in Dresden und, auch in Leipzig gehaltenen Vorlesungen, die auch Goethe und die Schriftsteller Rußlands behandelten, machten auf die Zuhörer einen ganz ungewöhnlichen Eindruck. Ein sehr wichtiges und authentisches Zeugnis darüber ist uns von Georg Ebers, gewiß einem urteilsfähigen Zuhörer aufbewahrt, der über Wolfsohns Vorlesungen, die niemals im Druck erschienen sind, folgendermaßen sich äußert: „Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, keiner von allen Lebenden sei den antiken Rednern so nahe gekommen, als WilhelmWolfsohn. Wie Pallas glänzend gerüstet, dem Haupte des Zeus entsprang,. so der im Worte fertige und schön gekleidete Gedanke den Lippen Wolfsohns. Seine Vorträge über Lessing' und Schiller werden den Zuhörern unvergeßlich bleiben. Den Deutschen zeigten dieselben Altgeliebtes, in neuem glänzenden Lichte, die Russen lehrten sie unsere Lieblinge ehren und lieben. Wir danken es besonders seinen Bemühungen, daß unsere Klassiker von allen Gebildeten im weiten Zarenreiche in ihrer ganzen Größe anerkannt werden." Wenn Wolfsohn auch durch den Ertrag seiner schriftstellerischen und rednerischen Tätigkeit nicht mit der Not zu kämpfen hatte, >so mußte er doch mannigfache Leiden bestehen. Im Jahre 1860 wurde er selbst sehr krank, im Jahre 1863 litt er schwer unter der Erkrankung seiner Gattin. Während er selbst immer schwächlicher wurde, erholte sich Frau Emilie von ihrem Leiden und hat ihren Gatten fast um drei Jahrzehnte überlebt, sie starb erst im Juni 1894. In den glücklicherweise häufigen Zeiten seiner Gesundheit war Wolfsohn ein froher Kamerad. Er liebte es in Gesellschaft zu sein, hatte aber den Fehler — wenn es wirklich ein Fehler ist — in den schwerproduzierende, langsam arbeitende, lebhafte und wahrhaft wohlwollende Menschen oft verfallen, sich in Unterhaltungen stark auszugeben, das innere Fühlen in Gesprächen zu verschwenden. Berthold Auerbach, der selbst in sebr hohem Grade an