Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115683--4111-3115831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 Der vom Talmud gegebenen Charakteristik der Frau dürfte im allgemeinen noch heute zugestimmt werden. Wenn auch die Schwächen nicht verschwiegen werden, so ist doch ein gewisses Wohlwollen der Frau gegenüber vorherrschend. Abgesehen davon, daß die Zahl der Vorzüge eine größere ist, als die der Fehler, wird den Frauen das beste des menschlichen Besitzes zugesprochen: Gemütstiese und Intellekt, mit der Behauptung, daß sie auch in letzterem die Männer übertreffen. Auch die ihnen zugeschriebenen Fehler können nicht als solche, nicht als sittlicher Defekt, nicht als anhaftende Laster, höchstens als Schwächen betrachtet werden. Bei manchem an der Frau Gerügtem, dürfte es fraglich sein, ob man es auch nur als Schwäche ansehen darf. Das Vielreden z. B. schadet oft dem Redner selbst, aber es muß doch anerkannt werden, daß es eine Fähigkeit ist. Die Fähigkeit, Kleines, Nichtiges im Geiste zu erfassen, es zu schildern und auszumalen Wenn die Sprache als ein dem Menschen eigener Vorzug betrachtet werden muß, kann das Vielsprechen manchem schädlich, vielen lästig werden, ob man es als Schwäche oder gar als Fehler ansehen darf, muß dahingestellt bleiben. Der Talmud tadelt auch das Vielreden nicht, obgleich das Schweigen als Weisheit gilt, er stellt es nur als Tatsache hin. Er scheint auch die Fähigkeit, die Schleußen der Rede nach Belieben öffnen zu können, nicht gering zu achten, denn, so meint er, sie verschafft den Frauen so manchen Vorteil. Aus die kurze Frage Sauls: wo ist der Seher? hielten die Mädchen eine ganz überflüssige Rede (1. Sam. 9, 13. 14), weil sie Saul aufhalten und sich den schönen Mann ansehen wollten?) Wie das Vielreden, so ist auch manches den Frauen zur Last gelegte nicht als Laster, nicht als Untugend anzusehen, sondern als Schwäche, Mangel an zur Selbstbeherrschung nötigen Kraft. Diese Kraft sollte im Manne vorherrschen, wodurch die Frau in ihm ihre Ergänzung fände. Das Ideal wäre freilich, wenn die Vorzüge beider Geschlechter sich vereinen ließen. Es [) Berachot 48b.