Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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119 werden in gerechter Weise beurteilt, entweder in kurzen kräftigen Aussprüchen bei sich darbietender Gelegenheit, oder in zu diesem Zwecke geschriebenen und von der Erfahrung eingegebenen Erzählungen. Einige dieser Sätze sind, ohne daß es allgemein bekannt wäre, Gemeingut Aller geworden. Zu den guten Seiten wird zunächst die Tiefe und Innigkeit des Gefühls gerechnet, die Wärme, mit der sich die Frauen einer Sache hingeben, die Weichheit des Gemüts, das Gütige, Erbarmungsvolle, mit einem Worte, all das, was wir unter Herz, Gemüt, Gefühl, natürlich in gutem Sinne, verstehen. Eine Folge dieser Anlage ist, daß sie leicht vom Schmerze Anderer ergriffen werden, mit ihnen leiden. Daher der Satz: ״Die Frauen sind voll des Mitleids".ft Dieses Schmerzes suchen sie sich, wo es möglich ist, in natürlicher Weise zu entledigen, indem sie das Leid der Anderen zu lindern oder zu beheben suchen. Sie sind daher überall dabei, wo es gilt zu helfen, zu retten, werktätige Liebe zu üben. Ihre Wohltätigkeit, so heißt es, beschützt das Haus, sie wetteifern darin mit den Gatten und tragen gewöhnlich den Sieg davon. Ihretwegen geschehen Wunder, weil, wie einer der Frömmsten von seiner Frau sagt, sie es ist, die, im Hause stets weilend, dem Armen das Brot reicht?) Mit dem Mitleide verbindet sich ein hingebendes, aufopferungsvolles Wesen, das Bedürfnis, das Seelenleben Anderer zu erschließen, sich in ihren Dienst zu stellen. Diese Hingabe des eigenen Selbst dürfte von einem gewissen Standpunkte als Schwäche angesehen werden; sie ist es aber nicht, wenn man die Hingabe vereint sieht mit Entbehrungen, die sich die Frauenfreiwillig auflegen, mit Opfern, die zu bringen sie sich bereit finden. Dies bekunden sie nicht etwa in der geschlechtlichen Liebe, von der im Talmud überhaupt wenig die Rede ist, als vielmehr da, wo ihnen ein hohes Ziel vorschwebt, z. B. die Ehrenstellung des Gatten, in der >) Megilla 14 b. 2) Taanit 28 a.