Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 44)
- Language
- German
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106 b) Die Elternehre. Um die Elternehre im Talmud zu besprechen, genügt es nicht, sich auf jene Stellen zu beschränken, die direkt mit dem Worte, Kabod verbunden sind, es muß notwendig aus ein anderes, in der Bibel bereits erwähntes Moment hingewiesen werden, auf das der (Jirah) Furcht. Lautet doch neben dem Gebote der heiligen Schrift: ״Du sollst Vater und Mutter ehren/' ein anderes: ״Jeder soll seine Mutter und seinen Vater fürchten." (Lev. 19, 3.) Es sind also Gebote von ״Ehre und Furcht/' die den Eltern gegenüber zu erfüllen sind. Die Talmudlehrer konnten bei Ausstellung der den Eltern gegenüber zu erfüllenden Pflichten, den zweiten Satz ebensowenig wie den ersten übergehen. Sie stellen daher die Frage: Was ist Furcht, was Ehre? r) Hierauf sollte man eine Begriffsbestimmung erwarten. Die wird aber, wie oft bei den Talmudlehrern, nicht gegeben. An ihrer Stelle werden Beispiele angeführt, die unter die Begriffe von Furcht und Ehre fallen. Wir verbinden den Eltern wie Gott gegenüber beide Begriffe und sprechen von ״Ehrfurcht." Die Furcht in ihrer primitivsten Art ist nichts anderes, als das Gefühl, Mächten gegenüber zu stehen, gegen die anzukämpfen unsere Kraft nicht ausreicht, denen wir uns unterwerfen, weil wir geistig wie physisch ihnen gegenüber ohnmächtig sind. Dieses Gefühl bestand in erster Reihe Gott gegenüber, wurde auf Selbstherrscherübertragen.dann stufenweise abwärts auf Alle, die mit Macht ausgerüstet uns gegenüberstehen, zu welchen auch die Eltern gehören. Den letzteren, wie Gott gegenüber, machte sich, wohl gleichzeitig mit der Furcht, ein anderes Gefühl geltend, das erzeugt wurde von der Güte, der Fürsorge, dem Wohlwollen, das von jenen Mächten ausströmt. Die Kinder mußten in den Eltern bald jene Wesen erkennen, bei denen Macht gepaart ist mit Güte, Strenge mit Liebe, Geistesüberlegenheit mit Wohlwollen. Die Furcht, als Vorahnung des hereinbrechenden Bösen, muß in den Hintergrund treten und der Erwägung' Raum gewähren, daß es doch dieselben sind, die uns Bey Kidduschin 31b.