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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 99

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Die Ehre im Talmud
Date
1912-01-01
Page
Seite 99 (sequence 37)
Language
German
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— 99 Dagegen gereicht es uns zum Tröste und zur Ehre, Laß wir in den Reihen Israels einem hohen Bildungsgrade begegnen, daß es ferner daselbst Analphabeten nicht gibt. Selbst in jenen von der Kultur wenig berührten Ländern, die eine große Zahl Analphabeten aufweisen, wo ein Teil der Israeliten auf der tiefen Stufe feiner Mitbürger steht, versteht auch dieser Teil etwas hebräisch, oder kann wenigstens hebräisch lesen. Ja gerade in diesen Ländern tritt uns die bemerkenswerte Erscheinungentgegen, daß sich Männer, wieder aus religiösen Gründen, auf das Studium der Thora, eigentlich aus das des Talmud zurückziehen, diesen in all seinen Teilen erforschen und, da ihnen ein anderer Bildungsquell nicht stießt, in ihm und seinen Kommentaren eine erstaunliche Kenntnis aller Einzelheiten erlangen. Dieses sich ausschließlich dem Talmud hingebende Studium mag, nach unseren Begriffen, nicht in wissenschaftlicher Weise betrieben werden, mag auch eine gewisse Einseitigkeit zur Folge haben, eine eminente Geistestätigkeit bleibt es dennoch, die, wie Kenner des Talmud zugeben werden, auch mächtig auf das sittliche Leben einwirkt. War und ist Israel das Volk der Schrift, so tut man ihm bitter Unrecht, wenn man es das Krämervolk nennt, mit welcher Bezeichnung man der Anschauung Ausdruck geben will, daß Israels Sinn überwiegend auf das Materielle gerichtet ist. Daß eine verhältnismäßig große Zahl der Israeliten dem Handelsstande angehört, von dem Kleinhändler ängefangen, der von der Hand in den Mund lebt, bis hinauf zu dem Großkaufmann, soll nicht geleugnet werden. Die Ursache hierfür ist bekannt. Sie besteht in den Vorurteilen finsterer Jahrhunderte, im Glaubensfanatismus von nichtjüdischer Seite. Diese haben Israel jeden andern Quell der Lebenserhaltung verstopft und auf den Weg des Handels gedrängt. Wenn trotz Allem und Allem eine Gemeinschaft sich von der Not der Zeiten nicht beugen läßt und den Beweis erbringt, daß ihr Herz nicht verhärtet, ihr Geist wach ist, daß das Streben nach Bildung und Wissen in ihrer Mitte nicht erstorben, daß sie mit Bewußtsein und 7*

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