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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 98

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Die Ehre im Talmud
Date
1912-01-01
Page
Seite 98 (sequence 36)
Language
German
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wm — 98 — war in früherer Zeit gerechtfertigt, ist es in unserer,Zeit nicht mehr. Die Wissenschaft differenziert sich immer mehr, jede einzelne hat eine solche Ausdehnung erreicht, daß es dem Fachgelehrten schwer wird, immer auf dem Laufenden zu bleiben, in seinem eigenen Fache gleichen Schritt mit allen Forschungen und Erscheinungen des Tages zu halten. Da geht es nicht mehr an wie früher, auch in den Zeiten des Talmud/) auf allen Wissensgebieten Bescheid wissen zu wollen. So schön dies wäre, so lobenswert ein solches Streben ist — in neuer Zeit hat es Leibnitz noch vermocht — heute ist es unmöglich. Wo es versucht wird, zersplittert sich die Kraft, die Gründlichkeit leidet, man beherrscht sein eigenes Gebiet nicht. Die Gelehrten unseres Stammes verfallen vielfach diesem Fehler. Es gibt, wie gesagt, auch da eine stattliche Zahl gelehrter Fachmänner, aber bei der Geistesanlage unserer Glaubensbrüder, ihrer Hingebung an die Wissenschaft, ihrem Ernst und ihrer Ausdauer ist die Zahl der Größen 'ersten Ranges eine viel zu geringe. Mit einem, man darf sagen, erlaubten Neide sieht der Jsraelite auf die Gelehrten andern Glaubens. Es sind Sterne erster Größe. Dieses starke Können beruht auf dem Geheimnis, daß sie sich zu beschränken wissen, ihrem Fache ausschließlich obliegen, von allgemeiner Bildung nur so viel aufnehmen, als unbedingt notwendig ist. Der Jsraelite möchte überall Fachmann sein. Vergebliches Bemühen!!Er vergißt dabei den Satz des Talmud: ״Wer zu viel erfaßt, erfaßt Nichts." ג) Auch int Talmud begegnen wir schon einem Widerspruch gegen das Alles - wissen - wollen. Wenn berühmte Lehrer befragt oder unbefragt in der Hagada eine ungenügende Auskunft gaben, rief man ihnen zu: Was wollt ihr auf dem Gebiete, geht zu euern tiefgelehrten Forschungen! (טמאות וטהרות) Andererseits gab es Spezialisten — so Ben Asai — auf dem Gebiete der Hagada, auf die man die Fragenden verwies. Man sieht, daß sich selbst auf dem einen Gebiete, dem der Schriftauslegung, die Forschung differenzierte, und daß man die Forderung, daß Einer Alles wisse, gar nicht stellte.

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