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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 97

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Die Ehre im Talmud
Date
1912-01-01
Page
Seite 97 (sequence 35)
Language
German
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— 97 - planmäßigen Erziehung; selbst in jenen Schichten des israelitischen Volkes, in denen das religiöse Interesse in den Hintergrund getreten, die Pietät vor der Thora nicht besteht, wo also das ursprüngliche Motiv nicht fortwirkt, ist der aus das Forschen und Grübeln gerichtete Sinn vorherrschend geblieben. Ein unstillbarer Wissensdurst, ein unentwegtes Streben nach Bildung waltet in allen Schichten Israels vor. Ein Unwissender (am haarez) zu sein, gilt heute wie ehedem als Schande. Der Vater hält es für seine heiligste Pflicht, das Kind zur Schule zu führen, israelitische Kinder erscheinen vollzählig in den Volksschulen, die israelitische Jugend bildet einen hohen Prozentsatz in den höheren Lehranstalten, Israels Söhne, in neuer Zeit auch Töchter, stellen zu allen gelehrten Berufsarten ein größeres Kontingent, als nach der Bevölkerungszahl erwartet werden darf. Was noch besonders in die Wagschale fällt, ist die große Zahl jener, die das Studium nicht als Beruf betreiben, sondern sich einer mehr materiell-praktischen Tätigkeit zugewandt haben, dabei aber mit Herz und Sinn die Wissenschaft Pflegen und, zumeist durch Selbststudium, eine Wissensstufe erreichen, die sie weit über das Niveau des gewöhnlich Gebildeten erhebt. Wenn auch, wie gesagt, das religiöse Moment heute in vielen Fällen nicht mitwirkt, so darf doch mit vielem Recht gesagt werden, daß der Sinn Israels aus das Seelische, Geistige vorwiegend gerichtet ist. Es ist dies die Folge einer Jahrhunderte hindurch fortgesetzten Erziehung, es ist die Erziehung durch die Thora, das Erbe der Väter. Israel ist heute noch das Volk der Schrift. Mit diesem Vorzug ist ein Mangel verknüpft. Israel zählt in seinen Reihen eine große Menge Wissender, Gebildeter, auch eine stattliche Zahl auf ihrem Gebiete bedeutender Männer. Die Zahl der letzteren ist aber eine zu geringe. Die Ursache hierfür ist im folgenden zu suchen: Das Streben der gebildeten, auch der gelehrten Israeliten ist auf das Universelle gerichtet, d. h. es ist das Streben vorwaltend, auf keinem Wissensgebiete fremd, auf jedem möglichst heimisch zu sein. Dieses Streben

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