Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 34)
- Language
- German
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96 sprechung der ״Ehre der Thora" noch zurück. Wohl hat das Leben zur Erweiterung und Ergänzung der Thora gedrängt, aber auch das eben genannte Gebot hat nicht wenig zum Jnslebentreten der Mischna und Gemara. und zum weiteren Ausbau der kaum übersehbaren jüdischen Literatur beigetragen. Es ist ein tiefer religiöser Zug, für alle Lebensverhältnisse Auskunft in diesem einen Buche zu suchen, dieser religiöse Zug hat eine Literatur geschaffen. Als Ausfluß dieser Empfindung ist der Satz anzusehen: Forsche und grübele in der Thora, denn alles ist in ihr?) Diese zur festen Ueberzeugung gewordene Empfindung beherrschte das Leben, dieses wieder forderte in seiner Vielgestaltigkeit stets neue Formen und Gedankenbildungen, so daß eine stete Wechselwirkung zwischen Schrift und Leben bestand, die Judenheit das Volk der Schrift wurde. So unübersehbar das jüdische, nachbiblische und nachtalmudische Schrifttum ist, es kann doch mit Bestimmtheit, angenommen werden, daß vieles verloren gegangen ist, vielleicht mehr als wir besitzen. Das mag besonders vom grauen Altertum gelten. Als bester Zeuge hierfür kann die Unerklärbarkeit mancher Schriftstellen in den Propheten, Psalmen usw. angesehen werden. In so Manchem, das wir heilig zu halten alle Ursache haben, zeigt sich uns nur die kurze Zusammenfassung einer mächtigen Geistesströmung. Anderes wieder stellt sich dar als Block und Splitter eines einst bestehenden Gedankengebäudes, ein ehrwürdiger Stumpf, gerettet aus dem Brande der Zeiten. Hat die Tätigkeit eines Volkes eine bestimmte Richtung genommen, so verharrt es in ihr die Geschlechter, die Jahrhunderte hindurch, auch dann, wenn das ursprüngliche Motiv zu wirken aufgehört hat. Die Beschäftigung mit der Schrift, ihre Erforschung hat, so es nur möglich war, nie eine Unterbrechung erfahren. Die Forschung wurde das ganze Mittelalter hindurch fortgesetzt, sie hat, heute nicht aufgehört. Und darin liegt die Macht einer l) Abot 6, 22