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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1912-01-01 · 15 (1912) · p. Seite 92

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
15 (1912)
Article
Die Ehre im Talmud
Date
1912-01-01
Page
Seite 92 (sequence 30)
Language
German
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92 Leben und Wirken beweisen müssen. Als Israeliten be- Men sie drei Eigenschaften: Sie sind voll des Erbarmens, das Schamgefühl ist in ihnen vorherrschend, sie üben Wohltätigkeit in reichem Maße *) Siehst du jemand der -frech und schamlos ist, so wisse, daß seine Eltern nicht am Sinai gestanden. Ein tiefer Blick in die Volksseele Israels ist es, wenn ausgesprochen wird, daß Israel sich in seinem Empfinden und Fühlen nicht im ruhigen Gleichmaß zu halten versteht, sondern vom Temperament Hinreißen läßt, bald hoch aufjauchzt, bald zu Tode betrübt ist. Das ist nicht etwa Zufall, sondern das Werk und die Folge seines Geschichtsganges. Denn, so meinen die Alten, Israel ist in der Thora bald dem Staube, bald den Sternen verglichen; nicht die Zahl, erklären sie ist gemeint, sondern das Schicksal drückt Israel bald nieder in den Staub, bald wird es von ihm hoch hinaufgetragen zu den Sternen?) Da die äußeren Verhältnisse zur Zeit der Talmudlehrer mehr vom Liegen im Staube, als von der Sternenhöhs Israels berichten, so vertrösteten sie es mit dem Hinweis auf eine späte Zukunft, betonten die Messiaslehre der Propheten und wiesen hoffnungsvoll auf die Zeit hin, in der es zu jener Höhe emporgetragen und zum Mittelpunkte der Völker werden wird?) Selbstverständlich werden auch die Schattenseiten Israels nicht verschwiegen. ־ Aber, obgleich Israel oft genug geirrt, vom rechten Wege abgewichen, dem Götzen gedient, dem Laster' gefröhnt hatte, dennoch, so ward angenommen, hatte das Laster seine Seele nicht ergriffen, nur die Außenseite war beschädigt, der Kern war gut geblieben. Darum blieb stets das Auge Gottes auf es gerichtet, und wenn es auch gestraft wurde, so ward dafür gesorgt, daß es unter dem Leide nicht zusammenbreche, die Strafe ertragen könne. So wurde bei jedem traurigen Ereignisse auf die waltende Güte Gottes hingewiesen. *) Jebanrot 79a. 2) Megilla 16a. 3) Erubin 43b.

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