Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 24)
- Language
- German
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86 Wählen den Gelehrtenberuf nicht und müssen in dieselbe Kategorie wie die anderen Laien gestellt werden?) Du sollst nach Ehre nicht streben, sollst dir, fern von Ueberschätzung, Stolz und Hochmut, das lautere Ehrgefühl ungetrübt erhalten und das volle Selbstbewußtsein wahren. Das gilt ebenso für die Ehre des Einzelnen, wie für die des Standes und der Gesamtheit. Manche Beweise vollen Selbstbewußtseins bringt der Talmud. Rabbi Seira hält einem Kollegen die Trauerrede in der Synagoge. Eine große Menschenmenge strömt herbei. R. Seira spricht selbstbewußt: ״Nicht nur zur Ehre des Toten sind die Menschen gekommen, sondern auch zu meiner Ehre"?) So hoch stand die Ehre bei den Alten, daß man glaubte, auch die Verstorbenen mit Erfolg bei ihrer Ehre beschwören zu können. Als Rabbi Chanina gestorben war, erhob sich eine Feuersäule, die ihn von seiner Umgebung schied. Rabbi Alexandri beschwört wiederholt den Geist Chaninas, dahin zu wirken, daß die unbequem gewordene Feuersäule erlösche. Alles Bitten war vergebens, bis Alexandri sprach: ״Ich beschwöre dich bei deiner Ehre"?) da schwand die Feuersäule. In Bezug auf Ehre darf Niemand altruistisch sein, man darf die eigene Ehre zu Gunsten eines Andern nicht gleichgiltig wegwerfen. Wohl ist es erlaubt, auf eine Ehrung zu verzichten, aber nicht um eines Andern willen, die eigene Ehre Preiszugeben, oder gar eine ehrlose Tat zu verrichten. Sich und andere ehren, stehen in Wechselwirkung. Wer Gefühl für Ehre hat, wird auch den Nächsten ehren. ״Geehrt wird, wer die Andern ehrt/") Schon in der ״Ehre in der Bibel" haben wir darauf hingewiesen, daß die Ehre zuweilen die Form der Höflichkeit annimmt. Diese beruht in vielen Fällen aus guter Erziehung und seinem Empfinden. Menschen von guter ') Nedarim 81a. 2) Megilla 28 b. *) Ketubot 77b. *) Abot 4,1.