Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115683--4058-3115778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
79 I. Die Menscheirehre. Wenn die Talmudisten auch ihre volle Aufmerksamkeit dem sittlichen Leben zuwandten, Sätze aussprachen und Lehren aufstellten, die volle Sittlichkeit bekunden, so gingen sie doch nicht darauf aus, ein System der Ethik aufzustellen. Ihnen war es bekanntlich darum zu tun, das Gesetz der Thora zu erklären, scheinbare Widersprüche zu lösen, die Bedeutung und den Wert des Wortes der heiligen Schrift für das Leben klar zu legen. Hierin aber bekunden sie oft ganz absichtslos und unwillkürlich nicht nur ihre tiefernste Anschauung, sondern auch von welch' hohen sittlichen Gefühlen sie getragen waren. Gerade in dem Umstande, daß die ethischen Anschauungen unabsichtlich zutage traten, zeigt sich die wahre Gesinnung jener, die sie aussprechen. Nur wem sittliches Empfinden in Fleisch und Blut übergangen ist, dem es ganz außer Frage steht, dem es das Natürlichste und Selbstverständlichste ist, dem stellt es sich bei Gelegenheit von selbst ein, und er wird damit operieren, ohne auch nur darauf zu achten, daß es Empfindungen, Gedanken von hohem ethischen Werte sind, die in die Erscheinung treten. ■ So hoch auch der Begriff der Ehre steht, so sehr die Ehre das Leben beherrscht, ihn! Wert verleiht und zu einem wünschenswerten Gute macht, sie wird nicht als ein zu Erstrebendes hingestellt. Die Ehre soll aus dem Denken und Tun des Menschen als notwendige Folge hervorgehen, soll die Frucht jener Arbeit sein, die die Jahre ehrlichen Ringens gezeitigt haben. Nicht im Hinblick auf die Ehre soll die Arbeit geschehen, sondern die Ehre soll, indem sie unbemerkt die Arbeit von ihrem Entstehen bis zu ihrem Abschluß begleitet, als schönster Schmuck zu dem vollendeten Werke treten, das höchste Lob des Meisters sein. Es ist ein schöner, tiefer Gedanke, den die Alten aussprechen: ״Tue das Deine, die Ehre wird von selbst kommen." ft ף Nedarim 62 a.