Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 14)
- Language
- German
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würde nicht nur viel zu weit führen, sie wäre auch für die Bedeutung des Ehrbegriffes in der talmudischen Zeit nicht von Belang. Unsere Aufgabe ist, zu sehen, wie die Alten das Wesen der Ehre erfaßt und im Leben betätigt haben. Nicht munitiöse Unterschiede sollen ins Auge gefaßt werden, der Blick soll auf das Ganze gerichtet sein, auf das, was während der ganzen Entstehungszeit des Talmud als Ehre angesehen wurde. Es mag hier schon vorweggenommen werden, daß, mit Ausnahme des Königs, weder Rang, noch Stellung, noch äußere Vorzüge Ehre zu fordern berechtigen, daß es einzig und allein die sittlichen Kräfte sind, die Ehre heischen dürfen. Es ist Eigenart des jüdischen Volksgeistes, ein Zug nach Freiheit, daß stets gefordert wurde: Nur dem Würdigen soll Ehre zuteil werden. Sich dem Mächtigen unterwerfen, der Gewalt fügen, wag die Klugheit gebieten. Unterwürfigkeit hat mit der Ehre nichts zu tun. Wenn wir dennoch Aussprüchen begegnen, die Ehrerweisung Männern gegenüber fordern, die eine Stellung in der Gesellschaft oder im Staate einnehmen, so empfehlen diese Aussprüche nicht Machtanbetung, nicht würdeloses Kriechen, sondern geben einer allgemein herrschenden, auf ethisch-religiöser Grundlage ruhenden Anschauung Ausdruck. Diese geht dahin, daß nur der Würdige zu Macht und Ansehen im öffentlichen Leben gelangt. Nur er wird von Gott, dem Leiter menschlicher Geschicke, im Großen zu wirken berufen. Bezeichnend hierfür ist die Stelle: „Nur wem alle Sünden vergeben sind, gelangt zu An- ■ sehen — Größe."1) Obige Anschauung wird auch dann nicht erschüttert, wenn, wie es die Geschichte oft genug bekundet, lasterhafte Menschen auf den Thronen sitzen. Auch sie sind von Gott berufen, um als Geißel für ein strafwürdiges Geschlecht zu dienen. Haben, wie bemerkt, die Talmudlehrer sich bestrebt, das Gefühl der Ehre wach zu halten, es zu einem Faktor *) Sanhedrin 14 a.