Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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75 und ordenssüchtig wie der vornehme Christ. Die Halb- und Ungebildeten aller Glaubensbekenntnisse greifen mit gleichem Eifer nach den Früchten, die auf dem Baume der Eitelkeit wachsen. Bei der Besprechung der Ehre des Königs wird darauf hingewiesen werden, daß eine vom Könige verliehene Auszeichnung nicht zurückgewiesen werden darf, nicht nur weil sie als eine wohlverdiente angesehen, sondern, weil mit der Zurückweisung die Ehre des- Spenders verletzt wird. Daß die Talmudlehrer die sittlichen Ideen ihrer Zeit ausgenommen, kann als selbstverständlich angesehen werden, wie es selbstverständlich ist, daß sie für jede sittliche Idee ihrer Zeit einen Beleg in der Thora suchten, und wenn sie den nicht fanden, sich auch mit einer Andeutung begnügten. Nun wäre es interessant diesen Spuren nachzugehen, einen Blick in die Werkstätte zu tun, zu zeigen, wie die Talmudlehrer verständnisvoll das Neue aufnahmen, es dem Alten verbanden, wie die Gedanken verschiedener Zeiten sich in ihrem Geiste vermählten, das Neue dem Alten zuströmte, dieses in jenem sich verjüngte, oder, worin sie zweifellos im Rechte sind, im Neuen oft genug den alten Gedanken im verschönerten Gewände sahen. Den Nachweis hierfür bei dem Begriffe der Ehre zu führen, müssen wir uns versagen, weil die Arbeit dadurch weit jenes Maß überschritte, das ihr zu geben bestimmt gewesen, und weil derartig weitgehende Untersuchungen anzustellen, sich bei einem Einzelbegrisfe kaum verlohnte. Es genüge, den Gedankengang der Alten inbetreff dieses Punktes kennen zu lernen. Schöpfen wir aus der Fülle des Gebotenen, mögen die Quellen, die einzelne Tropfen hierzu abgaben, wo immer liegen, die Hauptquelle ist uns bekannt — die Thora. Darum können wir uns auch auf einzelne für die Forschung sonst wichtige Fragen bei Besprechung der Ehre dieses oder jenes Standes nicht einlassen. So z. B. wo von der Ehre des Zaddik die Rede ist, untersuchen wir nicht, ob sich unter dieser Bezeichnung nicht zuweilen ein Zaddokäer verbirgt. Die Untersuchung solcher Fragen