Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 12)
- Language
- German
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74 Ist die Ehre ein im Menschen ruhendes ethisches Gefühl, ihrem Wesen nach unegoistisch, hat sie mit materiellen Vorteilen irgend welcher Art nichts zu tun, gibt sie darum einen Maßstab für den Wert des Menschen, so bleibt ihre Kehrseite — die Eitelkeit — ausgeschlossen. Der Eitelkeit eigentliches Wesen besteht im Prunken, Großtun vor Andern, mag die Großtuerei auf materiellem oder auf geistigem Gebiete liegen. Nur mit dem Unterschiede, daß die Großtuerei auf materiellem Gebiete, abstoßend genügt doch nicht so abstoßend wirkt wie auf geistigem Gebiete. Das Großtun aus materiellem Gebiete bedarf notwendig eines Hintergrundes, des Geldes, eigenen oder fremden Geldes. Ohne das läßt sich nicht Prunk, nicht Aufwand treiben, nicht der Eitelkeit fröhnen. Die Eitelkeit auf geistigem Gebiet entbehrt oft des Hintergrundes, Halb- und Unbildung machen sich breit, treiben ihr unheimliches Wesen und entehren die Wissenschaft. Während der Gelehrte, der wirklich Gebildete eine vornehme Zurückhaltung bewahrt, sein Wissen nicht marktschreierisch feilbietet, es im gesellschaftlichem Verkehr kaum verrät und das auch nur, wenn eine dringende Veranlassung vorliegt, wird der Halbgebildete mit gelehrten Phrasen um sich werfen, mit solchen, die er kannt versteht, .wird aber seinen Zweck erreichen — er wird von Leuten, die tiefer als er stehen, bewundert werden — der Schein der Gelehrsamkeit ist erregt — seine Eitelkeit findet Befriedigung. Eitelkeit ist Egoismus, manchmal schädlicher, zuweilen unschädlicher Art, was des Weiteren auszusühren nicht unsere Sache ist. Ist aber Ehre fern von Egoismus, so hat die Befriedigung der Eitelkeit in ihr keinen Raum. Mit der Eitelkeit schließt sie auch aus jede Prahlsucht, jedes Streben nach Geltung, Ansehen, äußeren Auszeichnungen. Wenn dieses, wie auch Prachtentfaltung und Luxus denl Juden zum Vorwurf gemacht wird, so mag es, soweit es zutrifft, mit dem traurigen Gang seiner Geschichte psychologisch erklärt werden. In den Lehren, die Bibel und Talmud ihm geben, ist es nicht begründet. Uebrigens ist dieses Parvenutum interkonfessionell. Der feingebildete Jude ist so wenig titel-