Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 11)
- Language
- German
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I I — 73 Werde, was im Sinne der Bibel dahin gedeutet werden farm, daß Niemand mit Geringschätzung, Mißachtung, -Verachtung behandelt werde. „Auf daß dein Bruder < nicht gering geschätzt werde in deinen Augen." Es wird ,-f Lilso vor dem Gegenteil der Ehre gewarnt, keineswegs f zur positiven Ehrung aufgefordert. Man hüte sich vor Menschenverachtung. Der Pessimist, der in allen Menschen nur zu Verachtendes sieht, stellt seiner eigenen Gesinnung ^| -ein Armutszeugnis aus- Der Edelgesinnte wird nicht zum Menschenverächter. Er wird nicht nur in der Ge- J famtheit der Menschen eine Summe des Guten als vorij Händen denken, er wird auch in Jedem ein, wenn auch | bescheidenes. Maß des Guten voraussetzen, ihn darum in 7seiner Menschenwürde ehren. „Geehrt wird, wer die ß Menschen ehrt." Positive, über die Achtung der Menschen- '* würde hinausreichende Ehre kann man nur erweisen, wo > sich geistige Ueb erleg enheit zeigt, hohe Sittlichkeit zutage tritt, Menschen, die sich über das Maß des Gewöhnlichen - -erheben. Hier kann es keine Gleichheit geben, der ' ' Individualismus tritt in schärfster Weise hervor. Jede Tat muß nach ihrem Werte, jede Person nach ihrer Ge- . sinnung geprüft und gemessen werden. Gleiche Ehre hört nicht nur auf Ehre zu sein, sie, schlägt oft genug tu ihr Gegenteil, in Unehre, in Spott und Schande um. Jemanden eines kleinen Verdienstes wegen in den Himmel;j heben, ihm die höchste Ehre erweisen, heißt ihn beleidigen, ihn zum besten haben, seiner spotten. Hohe Ehre darf nur der hohen Kraftanstrengung, bei Erlangung oder wenigstens dem Erstreben hoher idealer Ziele gewährt ,; werden. Während nun die Ehre gleiches Recht für Alle fordert, stellt das Recht die entgegengesetzte Forderung inbetreff der Ehre auf: Jedem die ihm gebührende Ehre. Man kann nach dem Angeführten sagen: Ehre und Recht setzen sich gegenseitig. Die Ehre ist die Voraussetzung j° des Rechtes, das Recht die Folge der Ehre, zugleich ihr -4 Schutz. Ehre und Recht sind für alle Menschen. Die Ehre fordert Gleichheit des Rechtes. Das Recht Ver- « schiedenheit der Ehre.