Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 69 — Gottes verwiesen hat. Der Mensch ist das Kind Gottes und hat als solches ihm nachzustreben. Auch die Ehre, des Menschen innerstes, heiliges Gut muß egoistischer Triebe barsein; sie darf nicht erstrebt werden, muß, wie sich die alten Lehrer ausdrücken, „von selber kommen." Selbst in der notwendig geforderten, sich selbst schuldigen Ehre, darf der Egoismus nicht Mitwirken. Wo die Talmudlehrer die Forderung der Selbstachtung stellen, ist es der Gedanke des Pflichtgefühls, des sich selbst schuldigen Rechtes, der sich geltend macht. Man ist eben als Kind Gottes ehrenhaft zu handeln verpflichtet, unbekümmert darum, ob man durch diese Handlung die Anerkennung der Menschen findet oder nicht, an Ansehen gewinnt oder verliert. Freilich/ der Einwand, daß durch Wahrung der Ehre, durch Vollziehung ehrenhafter Taten ein Lustgefühl entsteht und dadurch sich der Egoismus auf Umwegen einschleicht, ist nicht abzuweisen. Gewiß, die ehrenhafte Tat erzeugt ein Lustgefühl, die unehrenhafte, wenn das Gewissen einigermaßen geschärft ist, das Gefühl der Unlust. Der Einwand bedarf aber kaum einer Widerlegung. Es ergeht der Ehre wie allen Tugendbegriffen und tugendhaften Handlungen. Geschehen sie zum Zwecke der eigenen Lustbefriedigung, dann ist wohl kein Verbrechen begangen worden, aber sie haben den Anspruch auf uneigennütziges Handeln, lautere Tugendhaftigkeit aufgegeben; geschehen sie ohne Absicht auf Lustbefriedigung, und stellt sich letztere als notwendige Folge von selbst ein, so kann ihnen die Tugendhaftigkeit nicht abgesprochen werden. Dieses Lustgefühl hat zumal mit der Außenwelt nichts zu schaffen, man gewinnt, was dem Ehrenstreben doch immer unterschoben wird, durch das Lustgefühl weder an Ansehen, noch an Anerkennung, es ist hier wie überall, wo es eintritt, die nicht beabsichtigte und ungesuchte Freude am Guten. Zugegeben mag ferner werden, daß noch ein anderes Motiv bei der Empfehlung der Ehre unterläuft, ein Motiv, das die Talmudlehrer wohl ins Auge gefaßt haben mögen, wie alle, denen das Wohl ihres Standes,