Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 5)
- Language
- German
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67 «gezwungen worden, mit Nachdruck Dinge zu betonen, die zu ihrer Zeit besondere Wichtigkeit erlangt hatten. Da ein großer Teil des Talmud nach dem Aufhören der israelitischen Unabhängigkeit entstand, also zur Zeit, wo die Fortdauer Israels als Gemeinschaft gefährdet war, mußten die berufenen Lehrer darauf sehen, die Gemeinschaft nicht auseinanderfallen zu lassen, vielmehr jedes Mittel ergreifen, das das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärkt. Wo dieses Mittel finden und, wenn gefunden, anwenden bei Menschen, die gefesselt in aller Herren Länder geführt wurden, von denen sich höchstens einzelne Reste in Orten sammelten, wo sie unter Zittern und Schrecken das Leben fristen und ihren: Gotte dienen konnten? Die Aufgabe war ungemein schwierig, sie mußte gelöst werden und wurde nach Möglichkeit gelöst. Jedes Volkstum hat seine Wurzel in der Familie. Israels Volkstum ward durch Roms Siege zerstört. Die zerstreuten Glieder sahen sich genötigt, wieder zum Anfänge zurückzukehren und ihre Kraft in der Familie zu suchen.. In der Ehre ward der Hebel angesetzt. Den Mittelpunkt der Familie bilden die Eltern. Der Satz: „Ehre Vater und Mutter" sollte Israels zerstreute Glieder sammeln. Daher wurde der Begriff der Elternehre genau durchforscht. Es wurde gefragt und bestimmt: worin die Elternehre bestehe, wie weit sie gehen müsse, ob das Gebot Gültigkeit hienieden oder auch im Jenseits habe usw. Diese auf dem Grunde der Ehre, geeint mit Furcht — Ehrfurcht — ruhende Familie wurde zum Eckstein, auf dem das Gebäude Israels sich erheben sollte. Wenn man hieraus schließen wollte, daß der Ehrbegriff tendenziös und zu politischen Zwecken ausgebeutet wurde, würde man sich darum täuschen, weil zur politischen Ausbeutung einer Idee es einer Organisation bedarf, die Judenheit keine durchgreifende Organisation hat und damals am wenigsten hatte. Aber selbst wenn dies geschehen wäre, würde darin insofern kein Mißbrauch eines idealen Begriffes liegen, weil es einem hohen Zwecke, der Erhaltung der Gemeinschaft Israels diente. Die Eltern- und Familienehre hochzuhalten, drängte sich nicht nur