Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115683--4044-3115764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 geistige Anlagen fragen nicht nach Reichtum. Aus den Kreisen der Armen und Aermsten pflegten die größten Männer hervorzugehen. So entstand der Satz: „Habt acht auf die Kinder der Armen, von ihnen geht die Lehre aus."^ Bei dem Umstande, daß die Gelehrten aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen waren, auch selber Reichtümer nicht sammelten, war zu befürchten, daß ihr Ansehen, jedenfalls ihre gesellschaftliche Stellung leiden könnte. Ohne diese konnte aber nichts geschaffen werden. Auch fürchtete man für das Studium der Thora selbst. Es durste nicht von Jedermann vorausgesetzt werden, daß er sich nebeir der Entsagung materieller Güter, auch im gesellschaftlichen Leben Gleichgiltigkeit gegen seine Person oder gar Mißachtung gefallen lassen werde. Daher wurde die „Ehre der Gelehrten", als der Träger der Gesetze und Vertreter der Religion zun: Gebot erhoben?) Diese Ehre galt aber nicht ihrer Person, sondern der durch sie vertretenen Thora. Zu den Fragen, die eine Lösung suchten, gehört unter andern auch die, ob man auf eine einem gebührende Ehre verzichten dürfe oder nicht. Eine Verzichtleistung darf darum nicht dem Belieben jedes Einzelnen überlassen bleiben, weil zweierlei zu erwägen ist. Einerseits ob jenem, der die Ehrerweisung zu leisten hat, die Möglichkeit genommen werden darf, einer religiösen oder moralischen Pflicht zu genügen; andererseits, ob der, dem sie geleistet werden soll, durch einen Verzicht nicht die durch ihn vertretene Sache schädigt. Die Antwort lautet ihrem Grundgedanken nach: Wo die Ehrerbietung eine natürliche, wo nicht zu befürchten ist, daß durch ein- oder mehrmaligen Verzicht die Ehrerweisung überhaupt aufhören, die heilige Sache Schaden leiden könne, kann auf sie verzichtet *) Nedarim 81a. -) Die Bibel, so Sprüche 3, 35, spricht von der Ehre der Weisen. Dort ist vom Gelehrtenstand nicht die Rede, sondern ausgesprochen, daß dem Weisen seine Handlungsweise Ehre bringen wird. Dort ist einer Erwartung Ausdruck gegeben, kein Gebot ausgesprochen. Der Talmud stellt ein Gebot auf. 'o) 5