Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 2)
- Language
- German
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64 die reiche Verwendung, die er gefunden, vertieft worden ist, jedenfalls sind die großen Barren der heiligen Schrift in gangbare Münzen 'umgeschlagen worden und hat so manches dort Ausgesprochene durch den Hinweis auf konkrete Fälle an Deutlichkeit gewonnen. In der Absicht, das Gesetz zu erklären, es der Mit- und Nachwelt mitzuteilen, sind die Talmudlehrer zuweilen über das biblische Gesetz hinausgegangen. Das praktische Leben brachte neue Momente, die sie dem in der Bibel Gebotenen subsumieren mußten. Der Bau mußte erweitert werden und erhielt eine Ausdehnung und Gestalt, wie man sie zur Zeit des Mose und der Propheten kaum geahnt hatte.. So geschah es auch mit dem Ehrbegriff. Ein Gebot, das in der Entstehungszeit der heiligen Schrift nicht möglich war, hatte sich im Lause der Zeit notwendig herausgebildet, es ist das Gebot der Ehre gegenüber der heiligen Schrift selbst: „Die Ehre der Thora." Es ist bekannt, daß darunter nicht blos der Pentatench, sondern das ganze heilige Schrifttum "verstanden wird. Je weiter die Zeiten vorrückten, desto größer wurde der Kreis dieses Schrifttums, sodaß auch Mischna und Gemara, dann die diese erklärenden Schriften hinzugerechnet werden. Mit einem Worte: jede spätere Zeit sanktionierte das in vorangegangenen Zeiten entstandene Schrifttum, natürlich unter der Voraussetzung, daß es sich als religiöses und sittliches dokumentierte. Für dieses ganze Schrifttum wird, da man es, wohl mit Recht, als aus dem Quell der Thora geflossen betrachtete, Ehre im Namen der Thora verlangt. Aber nicht nur für das Schrifttum, für jene Tafeln oder Blätter, die die Buchstaben des Gesetzes trugen, ward Ehre gefordert, sondern auch für die lebendigen Träger der Thora, für die Gelehrten, Weisen — Weisenjünger. Es hatte sich neben anderen Ständen der Gelehrtenstand herausgebildet. Die Zahl derer, die sich mit der Auslegung der Thora beschäftigten, war eine große. - Dieser Stand, aus Lehrern und Jüngern bestehend, mußte sich eine Stellung erringen. Nicht alle, die diesem Stande angehörten, ent-, stammten angesehenen, reichen Familien. Fähigkeiten,