Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115682--4012-3115733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Vorlage zum Buch Hiob zu suchen sei. Dieser Ansicht hat sich dann Martin angeschlossen, nachdem unterdessen weitere Bruchstücke des babylonischen Gedichtes „Vom leidenden Gerechten" bekannt geworden waren. Indessen kommt der Verfasser der vorliegenden Schrift nach einer gründlichen Untersuchung zu dem Ergebnis, daß höchstens, von einer Ähnlichkeit des Gedankens die Rede sein kann. Das Problem vom unschuldig leidenden Gerechten, das immer alle denkenden und sittlich empfindenden Naturen beschäftigt hat, habe verschiedenartig seine Lösung gefunden, wenn auch zwischen denbeideninFragekommenden Gedichten mancher gedanklicher Zusammenhang zu finden sei. Die. Erörterung dieser Frage ist gewiß noch nicht abgeschlossen, 'Aber das Buch Landersdorfers wird bei künftigen Untersuchungen stets als Ausgangspunkt dienen. Mit. Hiob verwandt ist das biblische Buch „Kohelet"; beide behandeln, eigentlich dasselbe Problem vom Leidender Gerechten und dem Glück der Gottlosen und suchen eine ausreichende-Erklärung für diese Erscheinung. Nur gibt das Buch „Kohelet" die Stimmung eines Beobachters wieder, der mehr in das viel verzweigte Gesellschaftsleben geschaut hat; er klagt über das soziale Unrecht, das Gott ungestraft gewähren lasse. Deshalb stehen uns die schwermütigen Betrachtungen und schmerzlichen Empfindungen des Verfassers noch viel näher als der Aufschrei des leidenden Hiob. Das Buch „Kohelet" hat inhaltlich und literarisch seit jeher die Geister beschäftigt und auf die Leser einen eigenartigen Zauber ausgeübt. Es bietet einen ästhetischen Genuß trotz seines tieftraurigen Inhalts, der zuweilen wie eine erschütternde Tragödie wirkt. Kein Wunder also, daß immer neue Versuche gemacht werden, das Buch zu erklären und zu deuten. Und ebensowenig darf es uns Wunder nehmen, daß die Meinungen über die Tendenz des Buches noch immer . soweit auseinander gehen. — Eine neue eigenartige Ansicht äußert G. Lange über dieses Buch („Das Buch Kohelet", übersetzt und erklärt), indem er ihm gar eine optimistische Lebensanschauung zuschreibt. Auch von R. Breuer ist (in seiner Ausgabe der „fünf Rollen")