Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
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26 älteren christlichen Geschichte früher lag, desto stärker wird die wissenschaftliche Ueberzeügung, daß ohne genaue Kenntnis des Judentums, des „Spätjudentums", wie sich jüngere protestantische Theologen ausdrücken, die Entstehung und Entwickelung des Christentums nicht zu verstehen ist. Es wäre jedoch vielleicht an der Zeit, die Aufmerksamkeit der Forscher auf ein Gebiet zu lenken, das in der Wissenschaft des Judentums noch immer nicht genügend bearbeitet wird — ich meine die jüdische Religionsphilosophie. Vor einem Jahrhundert wurde der große Schaden sichtbar, der dem Judentum aus der mangelhaften Kenntnis seiner Geschichte entstanden war; es wurde aus diesem Grunde von den Außenstehenden und vielfach auch von den Juden selbst arg verkannt. Der Eifer, mit dem man sich daher in erster Reihe der Erforschung der Geschichte des jüdischen Volkes und des Judentums widmete, ist erklärlich. Die religionsphilosophische Vertiefung des Judentums blieb hingegen aus. Gewiß hat man sich verständnisvoll mit der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie beschäftigt, und in neuester Zeit wird dieser Zweig der Wissenschaft des Judentums wiederum mit großem Erfolg gepflegt. Es sind auf .diesem Gebiete manche Schriften von bleibendem Werte, entstanden. AberesfehltunseinemodernejüdischeReligionsphilosophie in dem Sinne, wie beispielsweise Herrmann Cohen seit Jahren ihre Umrisse zeichnet, und zu der er auch manchen wertvollen Beitrag bereits gegeben hat. Im Mittelalter hat die jüdische Religionsphilosophie die höchste Blüte erreicht, da sich jüdische Denker Jahrhunderte hindurch mit dem Problem befaßten, das Judentum mit der philosophischen Strömung ihrer Zeit in Einklang zu bringen, oder die Grenzen, zwischen Glauben und Philosophie zu ziehen. Ebenso hat es nicht an Männern gefehlt, die das Judentum in seinem Verhältnis zu den . anderen Religionen beleuchteten und seine Vorzüge hervorhohen. Man hat nicht die Polemik gescheut, ohne die eine wirksame Apologie des Judentums nicht möglich ist. Rach unserer Auffassung bedeutet eine ehrliche