Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5671
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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17 Wie Plehwe und letzt Stolypin. Der politische Mord ist immer ein verabscheuenswertes Verbrechen, aber mit dem letzten Ministerpräsidenten, seinem jüngsten Opfer, kann man unmöglich Sympathien empfinden. Er trat sein hohes Amt als angeblich aufrichtig konstitutioneller Politiker an, mit der Zusage, die Verfassung zu erhalten, zu entwickeln und mit dem Zarentum zu versöhnen. In der Tat aber ordnete er sich ganz dessen reaktionärer Richtung und den auf die Unterdrückung aller anderen Nationalitäten in dem weiten Reiche gewandten Bestrebungen der „echten Russen" unter. Besonders Finland wurde schmählich unterdrückt, seiner beschworenen Rechte beraubt, zerstückelt; und dann wurde den Juden gegenüber eine bewußte Politik der Erdrosselung und des Aushungerns betrieben. Pogrome wurden nicht geduldet, aber man ließ sonst den „Echten Russen" alle Freiheit, die Juden dem gesamten Volke als Vaterlandsfeinde, Betrüger, Wucherer, Ritualmörder in den schwärzesten Farben zu schildern und zu deren Vernichtung aufzufordern. So hoffte man die Juden in stetem Schrecken zu erhalten, zur Verzweiflung zu bringen und zur Auswanderung zu veranlassen. Auch sonst suchte man ihnen das Leben in Rußland unmöglich zu machen. Das Wohnrecht wurde ihnen immer mehr beschränkt. Ganzen Kategorien von Israeliten, deren Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons sich aus Entscheidungen der höchsten Instanzen, des Senats und des Reichsrats, gründete, wurde nunmehr dieses Recht abgesprochen, und die geltenden Bestimmungen erhielten einschränkende Auslegungen, die die schlimmen Zeiten Plehwes noch in den Schatten stellen. Kein Jude ist mehr seines Domizils sicher. Aus den verschiedensten Gegenden, besonders aus Kiew, Riga, dem Gouvernement Smolensk und anderen Orten kamen die traurigsten Nachrichten von Ausweisungen zum Teil schon Jahrzehnte lang ungehindert angesiedelter Familien. Diejenigen Juden in Turkestan, die noch von den Ausweisungsmaßregeln verschont geblieben waren, sind nun auch vertrieben worden, entgegen einem noch bestehenden Gesetze