Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 15 (1912)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5671
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111096-3115681--3981-3115703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gegenüber sich von Schmähungen, Verdächtigungen und Radaumachen frei erhält. In Deutschland geht das schon jahrzehntelang betriebene Spiel weiter: auf der einen Seite wird hier und dort die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Juden zur Wahrheit gemacht, auf der anderen in einer, aller Gerechtigkeit hohnsprechenden Weise verweigert. Die von dem Bundesrate entworfene und vom Reichstage angenommene neue Verfassung des Reichslandes Elsaß- Lothringen enthält eine für uns höchst erfreuliche Bestimmung: wie die katholischen Bischöfe und Vertreter der evangelischen Konsistorien soll auch ein Vertreter der israelitischen Konsistorien in der ersten Kammer des Reichslandes seinen Sitz erhalten. Dadurch ist staatsrechtlich die jüdische Gemeinschaft den übrigen Religionsgemeinschaften völlig gleichgestellt — ein Verhältnis, wie es, trotz aller Bemühungen von jüdischer Seite, in keinem anderen deutschen Staate vorherrscht. Freilich haben bisweilen Juden auch in anderen ersten Kammern, selbst im preußischen Herrenhause, gesessen, aber nur als Einzelpersonen, niemals als Vertreter der Judenheit. Wir dürfen wegen der Neuerung allerdings nicht allzu sehr triumphieren, da in Elsaß-Lothringen von altersher, infolge der früheren Zugehörigkeit zu Frankreich, die Gleichberechtigung der Israeliten in weit größerem Maße durchgeführt ist, als sonst irgendwo in Deutschland. Ebenfalls erfreulich ist die Ernennung eines Juden, des Professor Ehrlich in Frankfurt a. M-, zur höchsten preußischen Rangstufe, dem Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz. Es ist zum ersten Male in Preußen, daß einem Juden diese hohe Ehrung zu teil wird. Und sie betrifft keinen Geldmann, sondern einen Forscher, der sich als Förderer der Wissenschaft wie als praktischer Mediziner die denkbar größten Verdienste erworben hat; einen Mann, dem früher die ordentliche Professur auf einer deutschen Universität verweigert wurde, weil er sie nicht durch schnöden Abfall erkaufen wollte, der also seinen Ehrenschild als Jude rein und unbefleckt erhalten hat. Gerade deshalb haben wir allen Grund, auf diese