Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 269 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Er wollte das Gebet für das Seelenheil seiner Eltern sprechen, die Worte wollten nicht über die Lippen. Wieder klang ihm die Stimme des Bauern in das Ohr, aber diesmal so deutlich, daß er glaubte, der Bauer stünde neben ihm: „Du büst no e Jud, «wer wat Din Jung is, de is al en halwer Tschrist!" Erschreckt drehte er sich nach der Seite um, woher er die Stimme gekommen wähnte. Aber groß blickte ihn das gutmütige Gesicht Joschke Fensters an. Da ging eine leise Bewegung durch die Gemeinde. Der Lehrer verließ seinen Platz da oben und erschien bald wieder im unteren Raum. Er ging, ein Buch in der Hand, mit wehendem Talliß*) vor die heilige Lade, öffnete das Buch und begann zu sprechen: „So gedenken wir denn heute vor Dir, o Gott, unserer teuren Dahingeschiedenen!" — „Taatsch, alles Taatsch!" schwebte es Mols Aron aus der Zunge, ohne daß er es über die Lippen bringen konnte. Das Herz schlug ihm jetzt so stark, daß er es mit dem Ohre hören konnte. Das Blut klopfte wie mit einem Hammer gegen die Schläfe. Die Hände begannen heftig zu zittern. Die Unruhe duldete ihn nicht mehr auf seinem Platze. Ja, er mußte es tun! Er mußte dem Lehrer das Buch entreißen und das Unheil von der Gemeinde abwenden. Da stieß er auch schon Joschke beiseite! — Da stand er an den ersten Bänken! — Da will er die Stufen hinansteigen! — Da braust es ihm in den Ohren, schwarz wird ihm vor den Augen, und die Nächststehenden sehen Wolf Aron mit dumpfem Falle ohnmächtig zu Boden sinken. tz Gebetmantel.