Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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269 „92a, Aron, Sie haben sich nun auch Wohl mit den deutschen Liedern abgefunden?" Wolf Aron guckte den Mann wie geistesabwesend an und gab keine Antwort. Moses Abramczik sagte zu seiner Frau: „Weißt Du, dem armen Manne geht die Sache mit unfern deutschen Gesängen ordentlich - nah. Ich muß heute nachmittag zu ihm gehen und noch einmal ausführlich mit ihm darüber sprechen!" Wieder erklangen vom Chore herunter dieselben Worte wie gestern, und wieder gingen die Köpfe zusammen. Mer sie gingen bald wieder auseinander, denn heute sollten noch -andere Überraschungen kommen. Mosche Seeligs Maftir fand heute nur geringe Aufmerksamkeit, harrte man doch noch eines schöneren Gesanges. Für die Dauer des Maskir n'schomauß Pflegten sonst alle Kinder und jungen Leute, deren Eltern noch am Leben waren, das Gotteshaus zu verlassen. Heute machte niemand Anstalten dazu. Wolf Aron bemerkte das und mußte an den Leichenschmaus denken. Da ging wieder eine Bewegung durch den Chor, der Taktstock ging in die Höhe, und mit ernster, wehmütiger Weise wurde folgendes Lied gesungen: Der Mensch der Blume gleich ersteht, Der Mensch der Blume gleich vergeht; Ist abgelaufen seine Uhr, Verweht bald seines Fußes Spur. Herr, Deine Güte reicht so weit, Du bist und bleibst in EwigkeitI Und steigt der Mensch auch auf und ab, Die Liebe dauert übers Grab.