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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 263

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Der Amhoorez
Date
1910-01-01
Page
Seite 263 (sequence 52)
Language
German
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265 Nun Wußte Moses Abramczik, was den Mann da vor ihm bewegte, und redete beruhigend auf ihn ein, daß der deutsche Gesang auch ihm fremdartig geklungen habe und ihn: zuerst garnicht recht gewesen sei. Er sehe aber immer mehr ein, daß es ein Segen für die Gemeinde fei, wenn die Gemeindemitglieder etwas vom Gottesdienste verstünden, und er verspreche sich für die sittliche Hebung der Gemeinde viel von einem allen verständlichen Gottesdienste. Er hoffe, daß der Gottesdienst in Verbindung mit einem gediegenen Religionsunterricht die Gemeinde auf eine höhere sittliche Stufe heben werde, und zweifle nicht, daß das Aufgehen in den kleinlichsten Bedürfnissen des Lebens und die Freude an Klatsch und Tratsch, sowie andere üble Gewohnheiten unter so segensreichen Einflüssen allmählich schwinden müßten. Wolf hatte den Stuhl unbenutzt stehen lassen. Jetzt wandte er sich der Tür zu. Moses Abramczik streckte ihm zum Abschied die Rechte hin, legt ihm die Linke beruhigend auf die Schulter und sagte: „Lassen Sie also Ihren Jungen nur ruhig weiter mitsingen, Sie tun ein gutes Werk!" Die letzten Worte hatte Wolf Aron verstanden, die sonstigen Ausführungen des Mannes waren ihm unverständlich geblieben. Die große Kluft, die den Gebildeten vom Ungebildeten ttennt, hatte auch hier dem Verständnis hinderlich im Wege gestanden. Ohne Beruhigung, ohne Trost ging Wolf Aron wieder seines Weges: Moses Abramczik war ein guter Mensch, aber auch einer, der die große Gefahr nicht begriff, um die es sich seiner Meinung nach handelte. In Gedanken ging er durch die Straßen des Städtchens. Er grüßte die Männer und Frauen nicht, die einander Feiertagsbesuche abstatteten oder hinaus nach den „Anlagen" spazierten, und grüßte ihn jemand, so dankte er nicht. Er sah niemand und wollte niemand sehen. Allmählich hörten die Häuser auf, und vor seinen Augen dehnte sich die weite, mit hohen Pappeln bestandene Chaussee aus, die nach Pfandeck führte.

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