Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Nur Wolf Aron stand hinten regungslos wie eine Bildsäule. Beim Anblick der ©ojtm1) am Eingänge waren ihm wieder die Worte des Bauern Ziesmer eingefallen, und jetzt hallte es ihm fortwährend in die Ohren: „Du büst no e Jud. Awer wat din Jung is, de is al en halwer Tschrist!" Der Kantor hatte soeben den zweiten Teil des 116. Psalms vorgetragen, und die Gemeinde sprach in halblautem Gebete die schönen Worte des 116. Psalms. Lenchen Arndt hatte noch ein Machsor aus der guten alten Zeit, in der gelehrte Männer das religiöse Leben der Gemeinde überwachten. Mit weitausschauendem Geiste hatten diese Männer die Zeit der Dekadenz vorausgeahnt und, soweit es mit kleinen Mitteln möglich war, Vorsorge getroffen, und die Spuren ihres Geistes fanden sich in Gestalt von kurzen Randbemerkungen im Machsor von Lenchen Arndt. Damit auch nicht die kleinste der religiösen Pflichten versäumt würde, stand neben der Keduschafl in schönster jüdisch-deutscher Kursivschrift die Mahnung: „Do huppt3) me!" Nome und Chaje schauten aufmerksam und gläubig in Lenchens Buch. Sie wußten, jetzt mußte bald wieder eine Aufforderung zu religiöser Betätigung kommen, und als Lenchen umdrehte, sahen sie auch schon die erwartete Bemerkung am Rande, zu deren Ausführung sie nun mit Spannung des Zeichens ihrer Vorbeterin harrten. Da betete Lenchen mit ansteigender Stimme: „Ki chillazto nafschi mimowes, es eini min dimoli.“4) 1) Nichtjuden. 2) Ein Gebet. 3) hüpft. 4) Denn Du hast befreit meine Seele vom Tode, mein Auge von Tränen.