Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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257 schrist kannten, um eine in der schweren Kunst des Lesens bewanderte Frau geschart und lauschten mit andachtsvollem Blicke dem frommen Gebete. Das Hallelgebet*) begann. Auf einen Wink des Lehrers wandten sich die jungen Leute und, Knaben, die sich am Gesänge beteiligen sollten, dem Ausgange zu, um oben auf der linken Seite der Frauengallerie wieder zu erscheinen, an deren äußerstem, der Lade gegenüberliegenden Ende sich die Sänger und Sängerinnen um den Lehrer sammelten. Aller Augen folgten dem Vorgänge da oben. Der Kaufmann Gappe warf seiner Frau einen befriedigt lächelnden Blick zu, als ihre Kinder Louis und Minna ihren Platz im Chore einnahmen. Selbst Nome und Chaje, die mit inniger Andacht den Worten Leuchen Arndts lauschten, warfen einen verstohlenen Blick auf den Chor. Längere Zeit vom Gebete abzuschweifen, trauten sie sich nicht, tells aus Rücksicht auf ihre Vorbeterin, die sie zu erzürnen fürchteten, teils aus Rücksicht auf den lieben Gott, dem gegenüber sie sich nicht soviel herauszunehmen wagten wie die Frauen, die seines heiligen Wortes kundig waren. Was der Kantor an schönen Melodien in der Kehle hatte, mußte heute heraus. Aber undankbar, wie die Menschen nun einmal sind, wußte man ihm für seinen Eifer wenig Dank. Man wollte den Chor hören und schenkte seinen Gesängen nur geringe Aufmerksamkeit. Selbst Gawriel Getzel, den doch garnicht nach dem „Chur" verlangte, räsonnierte: „Hast'e gesehn, zieht er de Werter!" Und Joschke Fenster schüttelte mißbilligend sein Haupt, daß der Zylinder nur so hin- und herflog, und brummte: „Er meint, Perlen kümmen ihm aus'm Maul!" i) Feschsalmen. 17