Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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255 Modches Röschen nickte der Steinken von der Frauenempore zu; verband doch beide die gleiche Neigung, nur mit dem Unterschiede, daß dieser Zug bei Röschen einen Stich ins Aristokratische hatte. Während die Steinken keine Ausnahme machte und ohne Unterschied des Standes jeder Festlichkeit zuschauend beiwohnte, ging Röschen nur, wenn bei den K'zinim „etwas los" war. Mit dieser kleinen Einschränkung besaß Röschen auch die gleiche Konsequenz wie die Steinken. Nicht des Hochsommers Glut, nicht des strengsten Winters schneidende Kälte hielt diese Damen bei einer Festlichkeit zu Hause. Und nicht nur während der kirchlichen oder synagogalen Feier waren sie zugegen. Nachher wurde mit nie erlahmendem Interesse durch das Fenster Braut und Bräutigam und jeder Hochzeitsgast gemustert, jede Speise, soweit dies in der Entfernung möglich war, begutachtet, und ein gewisserhafter Chronist konnte sich noch nach Jahrzehnten bei den beiden Damen Auskunft darüber holen, was diese oder jene Braut an ihrem Hochzeitsfeste für ein Kleid getragen, und ob es auf Minchen Aschers Hochzeit Puten- oder Entenbraten gegeben habe. Hinter der Steinken stand der Schuhmachermeister Grell. Er unterhielt eine Art Freundschaft mit dem Schammeßft und dem Kantor und pflegte an den Sommerabenden den beiden bereitwillig einen Platz auf seiner Bank gegenüber der Synagoge einzuräumen, hatte also ein Anrecht darauf, nach der Steinken, die ein durch langjährige Ausdauer wohlerworbenes Recht auf den ersten Platz hatte, den zweitbesten Platz beanspruchen zu dürfen. Grells Anwesenheit wurde vom Vorsteher Linder mit Genugtuung bemerkt. Grell war Ratsherr der Stadt und repräsentierte so gewissermaßen die Behörde. Im Gotteshause hatte sich während des Schacharißgebetesft die ganze Gemeinde, versammelt. Kein Platz war heute leer geblieben. *) Synagogendiener. 2) Morgengebet.