Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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254 „Wissen Se auch schon vom jungen Gänsebraten?" Da ließ Frau Gappe den Arm ihres Gatten los, schlug verwundert die Hände ineinander und rief mit der einer solchen Sache würdigen Entrüstung: „Nein, was sich die Leute auch alles leisten können!" Allein Modches Röschen wußte immer noch nicht das Menü der Frau Gappe. „Ja, eine tüchtige Hausfrau wie Sie wirtschaftet nicht so draus los. Sie haben gewiß nicht Gänsebraten?" „Nein, nur Kalbsbraten". Frau Gappe war zu verstimmt, als daß Röschen jetzt noch ihr diplomatisches Geschick hätte zu verschwenden brauchen, und sie fragte kurz und bündig: „Kalbsbraten? Weiter nichts?" „Was denken Sie von uns? Noch Nudelspeise." „Auch schon reformiert!" brummte Röschen in sich hinein und betrat so wohl versorgt hinter Frau Gappe die Synagoge. In „Schill". Am Eingänge drängte sich eine Schar christlicher Männer und Frauen, um das neueste Ereignis in der „Judenschul" mitzuerleben. Sonst Pflegte christliches Publikum nur „Lange Nacht" dem jüdischen Gottesdienste beizuwohnen. Doch deutscher Gesang in der Judenschul war etwas so Außergewöhnliches, daß es denselben Reiz auf die schaulustige Menge ausübte wie am Jomkippur^) die weißen Kittel und Käppchen. Da stand vornan die Steinken, die noch nie eine Hochzeit, eine Kindtaufe, eine Beerdigung oder sonst ein bemerkenswertes Ereignis des Städtchens versäumt hatte und die nachmals, als es ans Sterben ging, nur mit dem einen großen Schmerze aus dieser Welt scheiden mußte, daß es ihr nun nicht mehr vergönnt sei, der Hochzeit von Juhnkes Mariechen beizuwohnen. x) Versöhnungstag.