Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Der Amhoorez
Date
1910-01-01
Page
Seite 248 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3111067-3111092-3115391--3662-3115655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

250 — sah in ihrem bunten „Longschal" rundlich und stattlich aus. Ein weißes Häubchen bedeckte das leicht ergraute Haar. Sie hatte es eilig, in die Synagoge zu kommen, und warf mißbilligende Blicke auf ihren Ehegatten zurück, der sich heute überhaupt nur unter ihrem Drucke entschlossen hatte, zur Synagoge zu gehen. Gestern hatte er noch rund heraus erklärt, er hätte zwar sein Lebtag noch nicht die Schul versäumt, aber jetzt gehe er nicht mehr dahin, wo „wie in de Kerch gesingsangt" werden sollte. „Sonst kann me nich mitkommen mit Dir, un heint kommst'e nich von de Stell!" zankte Perlchen mißvergnügt mit ihrem Joschke, der gerade wieder den Kopf zwischen Machsor und Talliß hatte. Gawriel Getzel schien in inniger Harmonie mit seinem Sprinzche zur Schul zu wandern, denn Arm in Arm zogen die beiden ihres Weges. Wenn man ihnen aber näher kam, so merkte man, daß nicht Gawriel, sondern Sprinzche der führende Teil war, denn bisweilen erhielt Gawriel von der teuren Gattin einen kräftigen Ruck vorwärts, und man konnte folgendes Zwiegespräch belauschen: „Doch geih ich nischt in de Schil!" „Unterstehn sollst De Dich und geh zerück!" „Mach Dir allein züm Narren mit de goschkescherU) Liedern!" In diesem Augenblick blieb Gawriel stehen, und es bedurfte der ganzen zähen Energie Sprinzches, chn wieder vorwärts zu bringen. Daß die Situation dieses Mal aber gefährlich war, konnte man aus Sprinzes Bemerkung schließen: „Geihst'e zerück, kratz' ich Der de Augen aus!" Dieser inhaltschweren Drohung gegenüber ergab sich Gawriel bedingungslos in sein Schicksal. Abram Leiser tänzelte die Töpferstraße herunter. Bisweilen blieb er stehen, zog aus der Westentasche ein Spiegelchen hervor und musterte seinen äußeren Menschen. Er war zufrieden mit sich und hatte auch allen Grund 2) unjüdischen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.