Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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249 im Schulhause geübt, und der-Lehrer war nicht sehr befriedigt gewesen. Dem bangen Zweifel in das Gelingen mischte sich allerdings ein Gefühl des Stolzes bei. Was galt sonst das junge Mädchen im Gottesdienst? Nichts! Ihr Besuch des Gotteshauses erschien nicht einmal erwünscht. Keine Feier führte sie in das synagogale Leben ein wie die jungen Leute. Und heute? — Ja,- heute hing das Gelingen des Gottesdienstes wesentlich von ihren Leistungen ab. Und wenn zwei von ihnen zusammenkamen, so steckten sie die Köpfchen zusammen, und man hörte' sie mit aufgeregter Stimme sprechen: „Wenn's bloß gehen möchte! — Wenn wir nur erst über die schwere Stelle in der zweiten Strophe hinweg wären! — Wie werden alle Leute nach uns sehen!" Der Glaser Joschke Fenster ging schwerfälligen Schrittes emher; unter weitgebogenem. Arm trug er sein umfangreiches Machsor/) in dem die Wucht von fünf Feiertagen ruhte. Der andere Arn; umspannte den nicht weniger umfangreichen Talliß/) dessen Hülle einst rot gewesen sein mochte, welche Farbe aber vor dem siegreich vordringenden Schwarz immer mehr zurücktrat. Die mit Nägeln beschlagenen Stiefelsohlen kündigten jeden seiner Schritte schon straßenweise vorher an. Der Zylinder , schien nicht die rechte Übereinstimmung mit dem Kopfe finden zu können, denn er saß im Nacken und rückte nach dieser Richtung in immer größerer Verirrung »vorwärts. Es sah nun etwas eigenartig aus, wenn der Zylinder die äußerste Grenze der Möglichkeit erreicht hatte und von dem Träger notwendigerweise in seine Schranken znrechtgerückt werden mußte, was ihm nur dadurch möglich war, daß er seinen Kopf vornüber neigte, : bis dieser in den Bereich des Machsors einerseits und des Talliß andererseits kam, die durch schwanken Druck von beiden Seiten die tückische Kopfbedeckung in die richtige Lage brachten, bis sie wieder ihre eigenen Wege ging. Perlchen, Joschke Fensters bessere Hälfte, ging auf ' der andern Seite der Straße einige Schritte vorauf und *) Gebetbuch für die Feiertage. 2) Gebetmantel.