Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115391--3655-3115648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
243 genötigt, an der Tafel Platz zu nehmen. Auf seine Einwendung, er müsse sich noch nach einem Nachtquartier umsehen, fragte ihn der Bauer, ob er denn nicht bei ihm übernachten wolle. Wenn es ihm der Gäste wegen zu spät werden sollte, so könne er ja auf dem Heuboden schlafen. Wolf fühlte sich zu abgemattet, um nicht die Einladung anzunehmen, obgleich ihm das festliche Treiben, bei dem nichts mehr an die traurige Veranlassung dazu erinnerte, in seiner jetzigen Stimmung nicht behagte. Gäste kamen und gingen; alle wurden bewirtet, und die Neuankommenden nahmen ohne weiteres an der Tafel Platz, erhielten eine reine Tasse und ließen sich's wohlschmecken. Dazu tummelten sich viele Kinder um die Tafel herum und standen immer nur still, wenn sie sich ein neues Stück Kuchen von den Tellern herunterholten. Ein Teller Kuchen nach dem andern verschwand, und immer neuer Vorrat wurde hereingetragen. Wolf verließ bald die Stube, um sich noch bei Tageslicht sein Lager auf dem Heuboden zurechtzumachen, denn Licht durfte dahin nicht mitgenommen werden. Er stieg mittels schwanker Leiter auf den über den Ställen befindlichen geräumigen Heuboden, machte sich im Heu sein Lager zurecht, orientierte sich auch genau' um in der Dunkelheit das Lager wiederzufinden, und stieg wieder hinab. Das aus dem Hause dringende Stimmengewirr wurde immer lebhafter und veranlaßte Wolf, aus die Felder hinauszugehen. Hier zog er seinen Sziddur aus der Tasche und betete sein Abendgebet. Ueber das Sch'ma ging er schnell hinweg; die Worte waren ihm verleidet. Als Wolf zurückkam, saßen die Gäste beim Abendbrot. Die Schnapsflasche machte die Runde, und an einem Fasse Bier stand der erwachsene Sohn des Bauern und hatte ständig den Krahn in der Hand, um die ihm reichlich zugetragenen Gläser zu füllen. Die Stimmung stieg von Minute zu Minute. Die 16*