Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115391--3654-3115647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 Der kühle Morgenwind tat ihm Wohl. Aber die trüben Gedanken wollten nicht von ihm Weichen. Die Sonne stieg über dem nahen Kiefernwald empor, und es glitzerte und blitzte noch schöner als gestern von den Gräsern und Wiesenblumen; aber Wolf sah es nicht. Die Böglein auf den nahen Bäumen pluderten ihr naß gewordenes Gefieder auf, ließen es von der Sonne trocknen und sangen dazu ihre Lieder, so schön, wie sie nur an einem Maimorgen zu Esingen pflegen. Wolf hörte es nicht. Hier und da betrat er eins der ausgebauten Gehöfte, und der Sack begann sich zu füllen. Allein es machte ihm keine Freude wie sonst. Den ganzen Tag aß er nicht, bis ihn Hunger und Ermattung am Nachmittage nötigte, sich in Kramse nach einem Quartier umzusehen. Da stand er auch schon vor dem Gehöft des Bauern Schröder, bei dem er oft Unterkunft gefunden hatte. Zu seiner Verwunderung bemerkte er einige bespannte Wagen vor dem Hause, wie sie die Bauern zu Besuchsreisen und anderen feierlichen Gelegenheiten benutzten. Die vordere Haustür stand offen, und Wolf sah Gäste kommen und gehen. Er erkundigte sich bei einem Bekannten, was es im Hause gebe, und erfuhr, daß dem Bauern eine dreizehnjährige Tochter nach kurzem Krankenlager gestorben und heute begraben sei. Wolf warf seinen Packen im geräumigen Hausflur ab und betrat die Wohnstube, um der Bauernfamilie seine Teilnahme zu bekunden. Er fand den Bauern inmitten einer großen Zahl von Gästen an einer langen, festlich gedeckten Tafel sitzen. Aufgehäufte Teller mit Kuchen standen auf den Tischen. Die weiblichen Familienmitglieder und Dienstboten, unterstützt von befreundeten Frauen und Mädchen, trugen große Kannen mit Kaffee und buntbemalte Tassen auf. Wolf drückte mit einigen verlegenen Worten dem Bauern und seiner Frau seine Teilnahme aus und wollte wieder davongehen, wurde aber sehr freundlich