Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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237 dem Bauern sein Erlebnis zu erzählen, und leitete die Erzählung mit den Worten ein: „Mi Jung verstecht dat." Und erzählte von dem Lehrer, der gut deutsch und gut jüdisch könne, und von seinem Jungen, der dem Lehrer die ganze Weisheit abgelauscht und nach Hause mitgebracht hätte. Damit der Bauer aber nicht glaube, Wolf rede das nur so hin, um seinen Moritz und seine Religion vor ihm herauszustreichen, schlug er den Sziddur auf, wies auf die Stelle, wo mit großen Buchstaben das Sch'ma stand, und zitierte in gutem Hochdeutsch, wie er es von Moritz gehört hatte: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein -einziger Gott. Und lieben sollst du den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, aus voller Seele und mit aller Kraft!" Siegesgewiß schaute Wolf jetzt den Bauern an. Hatte er dem Manne doch bewiesen, daß seine Religion nicht so etwas Rückständiges und Minderwertiges sei, wie dieser immer geglaubt hatte. Der Bauer betrachtete kopfschüttelnd die hebräischen Buchstaben: „I, da schlaug ener lang hen! Dat schall dat bedüden?" „Dat u no väl mehr!" sagte mit gehobener Stimme Wolf. „Segg mi dat no emal vör!" forderte der Bauer Wolf auf. Wolf wunderte sich nicht über das Verlangen, hatte er diese'Worte von seinem Moritz doch immerfort hören wollen. Als er wieder mit den Worten fertig war, sagte der Bauer: „I wat! Dat stecht jo in use Bibel binne!" Ungläubig lächelte Wolf statt aller Antwort. Aber der Bauer ging in die andere Stube, kam mit der großen, in Leder gebundenen Bibel wieder, blätterte ein wenig und las laut: