Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Sprüchen im Namen des Vaiers, des Sohnes und des heiligen Geistes gesund gemacht habe. Auch aus seiner eigenen Familie wußte er von einer wunderbaren Heilung zu erzählen: Wie sich seine Frau vor Jahren eine Geschwulst am Arm, die aller ärztlichen Kunst getrotzt hätte, nur dadurch wegzubringen vermocht habe, daß sie beim Vollmond mit der Hand einer im Dorfe befindlichen Leiche dreimal um die kranke Stelle gefahren sei. Diese Erzählungen wurden mit großer Ausführlichkeit vorgetragen und boten Wolf keinen geeigneten Anhaltspunkt, sein Erlebnis zu erzählen, und weil er mittlerweile müde geworden war, so machte er Anstalten, sich sein Nachtquartier herzurichten. Er holte das Bund Stroh aus der Küche, knotete das Band aus und breitete das Stroh aus. Der Bauer brachte zwei Pferdedecken herbei, von denen die eine als Deckbett, die andere als Kopfkissen benutzt werden sollte. Als Wolf Aron mit seinem Sziddur ans Fenster trat, um sein Nachtgebet zu sprechen, nahm der Bauer' die Pfeife aus dem Munde, zog die Mütze ab und ermahnte die Kinder, die in der Küche laut waren, mit den Worten zur Ruhe: „Wulf bät't." Sofort trat nebenan vollkommene Stille ein. Als Wolf das Gebetbuch, nachdem er es mit den Lippen berührt hatte, zur Seite legen wollte, erbat sich der Bauer die Erlaubnis, einmal in das Buch hineinsehen zu dürfen. Während er in dem Buche blätterte, guckte ein flachsblonder Mädchenkopf durch die Tür herein, um gleich wieder zu verschwinden. Man hörte draußen die fröhlichen Worte: „Wulf bät't nich mehr," worauf der Lärm in der Küche wieder begann. Der Bauer schüttelte den Kopf, um damit auszudrücken, daß er nichts von dem Inhalt verstünde. Als er aber halblaut vor sich hinsprach: „Wä dat woll verstaue kunn!" hielt Wolf Aron den Augenblick geeignet.