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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 228

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Der Amhoorez
Date
1910-01-01
Page
Seite 228 (sequence 17)
Language
German
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230 . Wie wunderlich! Er, der sonst das Leben so schwer nahm, der an jedem Morgen sich sorgte, wie er den Bedarf für seine Famlie Herbeischaffe, der oftmals des Tages überschlug, welche Ausgaben die kommende Woche bringen würde; der bei jedem geringen Vorkommnis um Weib und Kind bangte, er war heute so ein ganz anderer, daß er für das Stückchen Sorglosigkeit und Leichtsinn da oben auf dem Hügel sogar Verständnis fand und bei den lustigen Stellen des Liedes vergnügt vor sich hinlächelte. Diesmal kam ihm der Weg nach Riesnitz so kurz vor, daß er .erstaunt zu den ersten Häusern herunterblickte, die da im Grunde zu seinen Füßen lagen. War ihm doch, als wenn durch einen Zauber das Dorf der Stadt nahegerückt wäre. Da ging es nun von Haus zu Haus, von Gehöft zu Gehöft. Die Vordertüren der Häuser waren ausnahmslos fest verschlossen, .und Wolf Aron mußte über den Hof ins Haus gehen, wobei ihm die Hofhunde einen Übeln Empfang bereiteten und nur durch den Krückstock von Tätlichkeiten zurückgehalten werden konnten. Manche Häuser ließ Wolf Aron liegen. Jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß sich mit den Inhabern keine Geschäfte machen ließen. Vorsichtig mied er den Gutshof, seitdem ihm der Gutsherr ohne Umschweife gesagt hatte, daß er mit Juden nicht zu tun haben wolle. Damit meinte der Gutsherr allerdings nicht alle Juden, sondern nur 'die Kleinen, die Hausierer, an denen man ungestraft fein ritterliches Mütchen kühlen konnte. Geschäfte mit Moses Abramczik in, der Stadt verschmähte er nicht; man sah seinen Wagen oft genug vor dessen Hause halten, und hier soll der Gutsherr je nach der. Höhe der Summe, die er zu borgen versuchte, in größerem oder geringerem Umfange sein Menschen- und judenfreundliches Herz offenbart haben.

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