Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111092-3115391--3636-3115629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 222 — saß Wolf Aron da und blickte auf das Büchlein, aus dein ihm so wunderbare Mär erklungen war. Das alles sollte in dem Büchlein drin stehn, das sein Genosse auf dem langen, dürren Lebenswege gewesen, mit dem er aufgestanden und zu Bett gegangen, das sein Begleiter gewesen war im Hause und auf der Reise, in dem er seit Jahrzehnten jede Seite und jedes Wort kannte! Das alles in dem Büchlein? — Eine heilige Scheu hatte er vor den Worten von je empfunden! — Wie vor etwas Großem, Gewaltigem! — Aber unnahbar Erhabenem und Fernem! — Was er aber heute vernommen, waren so ganz andere Laute! — Worte, jedermann verständlich! — Und doch nicht A-lltagslaute! — Es waren Worte der Liebe und des Vertrauens! — Wie er's da gehört, so war es ihm öfters ums Herz gewesen, wenn er mit seinem Sohne gesprochen hatte. Er hatte gefühlt, daß die Worte, die er in solchen Momenten brauchte, unbeholfen und plump waren und . nicht seine Empfindungen ausdrückten. Hier hörte er Worte, die dem Ausdruck verliehen, was er in solchen Augenblicken gefühlt und gedacht hatte. Und dann! — * Ja richtig! — Damals hatte er's auch so empfunden, als in dem jungen Herzen die Liebe aufgegangen war. Als er mit feiner Gitel am Schabbeß nachmittag in den „Anlagen" vor der Stadt gesessen hatte, Hand in Hand, und es um sie herum blühte und duftete und die Vögel tirilierten zum Lobe des Mais und der Liebe. Ja damals, eine kurze Zeit in seinem Leben, kurz und doch unvergessen für immer, hatten sie gesprochen von ihren Herzen und von der Liebe. Und diese Worte' riefen ihm jene Zeit wieder in Erinnerung und' erfüllten sein Herz mit jenem Maienglanz, und wieder schien ihm die Sonne goldig ins Gemüt, und in dem dürftigen Stübchen blühte und duftete es um ihn herum wie damals auf der Bank in den Anlagen.