Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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223 „Gitelleben, ma Kind, mach Dich z'recht, wir wollen in de Anlagen gehn!" Gitel war eben aus ihrem Schläfchen erwacht und schaute verwundert ob dieser nie vernommenen Aufforderung zu ihrem Wolf hinüber. Die ganze Woche über kannte Gitel nicht Rast und Ruhe. Ohne Muße war sie vom Morgen bis zum Abend tätig. Die Familie war zwar klein, Moritz war ihr einziges Kind, aber es gab doch genug Arbeit. War die kleine Wirtschaft besorgt, so wurde gestopft, geflickt, gewaschen, geplättet. Dazu mußte in der warmen Jahreszeit das kleine Feld hinter dem Häuschen, das mit der Wohnung gepachtet war, versehen werden, und es gab da genug mit Säen, Graben, Hacken, Jäten, Gießen und Ernten zu tun. Schabbeß nachmittag aber, wenn das Geschirr sein säuberlich im Kamin für den „Abwasch" am Abend zurechtgestellt war, wenn Moritz von ihrem Manne „verhört" wurde, da setzte sie sich zur Seite des Fensters, das nach dem Hofe und dem Acker hinauslag, schob die Brille unter die Haare, rückte sie auf der Nase zurecht und las in dem Wochenblättchen des Städtchens, das geradeimmer am Sonnabend erschien, nicht zur Ehre des Sabbats, sondern des darauffolgenden Sonntags. Wer aber meint, daß Gitel die jüngste Nummer des Milnower Wochenblattes las, der befindet sich in einem begreiflichen Irrtum. Das Blatt kostete vierteljährlich sechs gute Groschen, und Du würdest Gitel grundlos verdächtigen, lieber Leser, wenn Du meintest, sie wäre so verschwenderisch gewesen und hätte ein Abonnement auf die Zeitung genommen. Bewahre! Zu einem solchen Abonnement hatten sich fünf Interessenten zusammengetan, unter denen das Blatt die Woche über die Runde machte, und „Modches Rösche" war gewissermaßen die Leiterin dieses Unternehmens und zog von jedem die auf ihn entfallende Ouote von anderthalb Groschen vierteljährlich ein. Für diese Mühe genoß Modches Rösche auch gewisse Rechte.