Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 13 (1910)
- Article
- Der Amhoorez
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 214 — Nach Kinderart fand ich mich damit ab und zerbrach mir nicht lange den Kops darüber, woher das eigentümliche Wesen des Mannes rühre. Erst viel später forschte ich nach der Ursache, und nach und nach habe ich die folgende Geschichte zu hören bekommen. Meäinegeiers*) fieimkebr. Wolf Aron unterschied sich in jüngeren Jahren um nichts von den anderen Leuten in der Gemeinde. In dem großen, starken Körper wohnte ein schlichter, einfacher Geist, der in dem einförmigen und wenig einträglichen Berufe des Medinegeiers sein Genügen fand. Weit gingen die Wünsche des Mannes nicht. War er die ganze Woche von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus gezogen, und durfte er am Freitag einen ansehnlichen Packen von „Schmauschen"^), Hasen-, Ziegen- oder Schaffellen, won Wolle, Pserdehaaren, Scheibenhonig und dergleichen heimbringen, und gelang es ihm, seine Ware zu angemessenem Preise bei Moses Abramczik loszuschlagen, so hatten sich die Wünsche des Mannes erfüllt. Hatte ein Bauer seiner Kundschaft vielleicht beim Pflügen ein Stück Bernstein gefunden, das womöglich mit einem Taler. Gewinn weiterzuverkaufen war, oder brachte er ein paar verbogene silberne Löffel heiin, die mach stundenlangem Feilschen erstanden waren, so waren die kühnsten Träume des Mannes verwirklicht, und kein Rotschild konnte seliger sein als Wolf Aron, wenn er Freitag nachmittag schweißtriefend heimkam, den schweren, mit Stricken befestigten Packen vom Rücken wuchtig zur Erde fallen ließ und aus einer Hosentasche das Stück Bernstein hervorzog und mit leichtem Schlage auf den Tisch setzte, dann m die Brusttasche griff und sorgsam aus alten Leinenlappen die silbernen Löffel herauswickelte und sich an den glücklichen Gesichtern seines Weibes Gitel und seines Sohnes Moritz weidete. Dann *) Hausierer. 2) Lammfelle.