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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1910-01-01 · 13 (1910) · p. Seite 213

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
13 (1910)
Article
Der Amhoorez
Date
1910-01-01
Page
Seite 213 (sequence 2)
Language
German
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213 Der Mangel eines Bartes ließ das magere Gesicht mit den starken Backenknochen und dem ungewöhnlich breiten Munde besonders auffällig hervortreten. Es war frühmorgens, als ich mit einem Henkelkorb über dem Arm in das nächtliche Dunkel hinaustrat. Kein Wunder, daß wir Kinder. früh aus den Betten stiegen, um zum Bäcker zu kommen, bevor die Backware „ausgesammelt" war; wußten wir doch genau, daß jeder nur abgemessene anderthalb Salzkuchen erhielt und daß es nur von unserm Frühaufstehn abhing, ob die anderthalbe das große Loch, das wir stets in der Magengegend spürten, ausfüllten oder nicht. Es war also an einein Wintermorgen und so zwischen fünf und sechs, als ich aus der Haustür in die Dunkelheit hinaustrat. Ich war als Junge nicht frei von Gespensterfurcht und wich sofort wieder in den Hausstur zurück, als ich einen langen Schatten sich die Straße herabbewegen sah. Noch einen Schritt weiter trat ich zurück, als ich Wolf Aron erkannte, der, einen Sack auf dem Rücken, in lautem Selbstgespräch vor Tag auf die Medine*) ging. Jedes Wort, das er mit sich sprach, konnte ich ververstehen. „Geih ich nach Husenfier? — Geih ich nach Pinnow? — Geih ich nach Pinnow? — Geih ich nach Husenfier?" — In diesem Augenblicke machte er dem Zweifel über die Wahl des Dorfes, in dem er sein Tagewerk beginnen wollte, ein Ende und entschied sich: „Geih ich nach Pinnow!"' Lange stand ich im dunkeln Flur; ich hätte es beileibe nicht gewagt, Wolf Aron in der Dunkelheit zu begegnen, selbst auf die Gefahr hin, die größten Salzkuchen zu versäumen. Das war das einzige Mal, daß ich menschliche Laute von ihm vernommen habe. Hunderte von Malen habe ich Wolf Aron danach gesehen, aber nie wieder ein verständliches Wort aus seinem Munde gehört. *) Über Land.

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